01/03/2014
Schiefe Türme üben seit jeher eine besondere Faszination auf uns aus. Sie trotzen der Schwerkraft, scheinen dem Untergang geweiht und stehen doch – oft über Jahrhunderte hinweg. Das bekannteste Beispiel ist zweifellos der Schiefe Turm von Pisa, ein Wahrzeichen Italiens und ein Meisterwerk der unabsichtlichen Ingenieurskunst. Doch er ist bei Weitem nicht der einzige Turm, der sich der Vertikalen widersetzt. Weltweit gibt es unzählige Bauwerke, die entweder ungewollt in Schieflage gerieten oder sogar bewusst geneigt errichtet wurden. Ihre Geschichten sind ein Spiegelbild menschlichen Strebens, geologischer Kräfte und bemerkenswerter Rettungsaktionen.

Was macht einen Turm "schief"? Eine Definition
Ein schiefer Turm ist, wie der Name schon sagt, ein Turm, der von der vertikalen Achse abweicht. Diese Neigung kann auf zwei Arten entstehen:
- Unabsichtliche Schieflage: Dies ist der häufigste Grund und entsteht meist durch ungleichmäßiges Absinken des Bodens unter dem Fundament. Weicher Untergrund, undichte Wasserleitungen oder geologische Verschiebungen können dazu führen, dass ein Teil des Fundaments stärker nachgibt als der andere. Der Bau beginnt oft gerade, doch im Laufe der Zeit oder sogar schon während der Errichtung beginnt der Turm sich zu neigen. Der Schiefe Turm von Pisa ist das Paradebeispiel für diese Art der Neigung.
- Absichtliche Schieflage: In seltenen Fällen werden Türme bewusst schief gebaut, um spezielle architektonische oder funktionale Anforderungen zu erfüllen. Dies kann aus ästhetischen Gründen geschehen, um eine bestimmte optische Wirkung zu erzielen, oder um eine bessere Stabilität in bestimmten Umgebungen zu gewährleisten. Der Turm des Montrealer Olympiastadions ist ein solches Beispiel.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jedes Gebäude mit einer geneigten Fassade oder Kubatur als "schiefer Turm" gilt. Die Geschossebenen müssen horizontal sein, damit das Gebäude bewohnbar und funktionell bleibt. Ein echtes Schräggebäude, bei dem auch die Böden geneigt sind, ist eine andere architektonische Kategorie.
Die schiefsten Türme der Welt: Ein Überblick
Während der Schiefe Turm von Pisa der berühmteste seiner Art ist, gibt es andere Türme, die in Bezug auf ihre Neigung oder Höhe noch beeindruckender sind. Das Rekord-Institut für Deutschland (RID) hat sogar den Titel des "schiefsten" unbeabsichtigten Turms der Welt vergeben.
| Turmname | Standort | Neigung (ca.) | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Schiefer Turm von Gau-Weinheim | Gau-Weinheim, Deutschland | 5,42 Grad | Seit 2022 der offiziell "schiefste" unbeabsichtigte Turm der Welt laut RID. |
| Kirchturm von Suurhusen | Suurhusen, Deutschland | 5,19 Grad | Ehemaliger Rekordhalter, bekannt für seine starke Neigung und die Dichte schiefer Bauten in Ostfriesland. |
| Schiefer Turm von Pisa | Pisa, Italien | 3,97 Grad (nach Sanierung) | Das weltweit bekannteste Wahrzeichen, dessen Neigung Geschichte schrieb. |
| Turm des Montrealer Olympiastadions | Montreal, Kanada | 45 Grad (der Struktur) | Der höchste schiefe Turm der Welt mit 175 Metern, absichtlich geneigt erbaut. |
Der Kirchturm von Suurhusen in Ostfriesland war lange Zeit der anerkannte Rekordhalter für den schiefsten unbeabsichtigten Turm. Doch am 11. September 2022 wurde er vom Schiefen Turm von Gau-Weinheim abgelöst, der eine noch extremere Neigung aufweist. Diese kleinen, oft weniger bekannten Bauwerke erzählen ebenso faszinierende Geschichten von den Herausforderungen des Bauens auf instabilem Grund wie ihr berühmter italienischer Vetter.
Der Schiefe Turm von Pisa: Ein globales Wahrzeichen im Detail
Der Schiefe Turm von Pisa ist nicht nur ein architektonisches Wunder, sondern auch ein faszinierendes Fallbeispiel für die Wechselwirkung zwischen Mensch, Bauwerk und Natur. Seit Jahrhunderten ringen Ingenieure und Wissenschaftler mit der Frage seiner Stabilität. Sein Überleben ist eine Kombination aus glücklichen Zufällen, geologischen Besonderheiten und modernster Ingenieurskunst.
Warum der Turm überhaupt schief ist: Ein instabiler Baugrund als Ursache
Der Hauptgrund für die markante Neigung des Schiefen Turms liegt tief unter seinen Fundamenten. Die Stadt Pisa befindet sich in einem ehemaligen Flussdelta, dessen Boden aus einer komplexen Mischung von weichem Sand, Ton und Lehm besteht. Diese Sedimente sind nicht fest genug, um das enorme Gewicht des Turms von rund 14.500 Tonnen gleichmäßig zu tragen. Bereits kurz nach Baubeginn im Jahr 1173, als die ersten drei Stockwerke fertiggestellt waren, begann sich der Turm zu neigen. Der Boden unter einem Teil der Fundamente gab stärker nach als unter dem anderen. Dieser Effekt, bekannt als differenzielles Setzen, führte dazu, dass der Turm in eine Schräglage geriet, die sich mit jedem weiteren Bauabschnitt verstärkte. Hinzu kommt, dass die Fundamente des Turms mit nur etwa drei Metern Tiefe für ein Bauwerk dieser Größe und auf diesem Untergrund äußerst gering dimensioniert waren. Ein tieferes Fundament hätte die Last besser verteilt und möglicherweise die katastrophale Schieflage verhindert.

Warum der Turm trotz seiner Schieflage nicht umgefallen ist: Die glücklichen Zufälle der Geschichte
Obwohl der Turm eine erhebliche Neigung aufweist – vor den letzten Sanierungsarbeiten lag sie bei über 5,5 Grad, was einer Abweichung von über vier Metern von der Senkrechten an der Spitze entspricht – ist er bislang nicht umgestürzt. Dafür gibt es mehrere entscheidende Gründe, die den Turm im Laufe der Jahrhunderte vor dem Kollaps bewahrt haben:
- Der lange Baustopp und die Setzung des Bodens: Nach den ersten Bauarbeiten wurde der Bau des Turms wegen politischer Unruhen in Pisa für fast 100 Jahre unterbrochen. Diese unfreiwillige Pause erwies sich als entscheidender Glücksfall. Sie ermöglichte es dem weichen Boden, sich langsam und über einen langen Zeitraum hinweg zu setzen und zu verdichten. Hätte man den Bau ohne Unterbrechung fortgesetzt, wäre der Turm höchstwahrscheinlich schon im Mittelalter eingestürzt, da der Boden dem schnellen Gewichtszuwachs nicht hätte standhalten können.
- Die besondere Geometrie des Turms: Während des zweiten Bauabschnitts im 13. Jahrhundert versuchten die Baumeister, die Neigung zu korrigieren, indem sie die oberen Stockwerke auf der geneigten Seite höher bauten als auf der tieferen Seite. Dies führte zu einer leichten Krümmung des Turms, die von außen kaum sichtbar ist, aber eine wichtige statische Rolle spielt. Diese bewusste, wenn auch nur teilweise erfolgreiche Korrektur, könnte dazu beigetragen haben, dass das Bauwerk widerstandsfähiger gegenüber dem Einsturz ist, indem sie den Schwerpunkt innerhalb der Fundamentfläche hielt.
- Die natürlichen physikalischen Grenzen des Einsturzes: Ein Gebäude kippt dann um, wenn sein Schwerpunkt außerhalb seiner Auflagefläche liegt. Im Fall des Schiefen Turms von Pisa lag der Schwerpunkt – trotz der starken Schieflage – stets noch innerhalb der Bodenfläche seines Fundaments. Dies bedeutet, dass der Turm zwar geneigt war und sich kontinuierlich weiter neigte, aber noch nicht in einer Position, in der er von allein kippen würde. Die Wissenschaftler und Ingenieure der 1990er Jahre berechneten, dass der Kipppunkt bei einer Neigung von etwa 5,44 Grad erreicht gewesen wäre.
Die Krise des 20. Jahrhunderts und die Rettungsaktion
Trotz der glücklichen Umstände der Vergangenheit verschlimmerte sich die Situation des Turms im 20. Jahrhundert dramatisch. In den 1990er-Jahren zeigte eine Untersuchung, dass der Turm von Pisa sich immer weiter neigte – jedes Jahr um etwa 1,2 Millimeter. Dies mag wenig erscheinen, aber über Jahrzehnte summierten sich diese Millimeter zu einer alarmierenden Neigung. Als die Neigung 5,5 Grad erreichte, wurde der Turm im Jahr 1990 für Besucher gesperrt, da er als akut einsturzgefährdet galt. Es war klar: Ohne sofortige und umfassende Maßnahmen würde der Turm im Laufe des 20. Jahrhunderts tatsächlich umfallen.
Zwischen 1990 und 2001 wurde eine der aufwendigsten und präzisesten Rettungsaktionen in der Geschichte der Denkmalpflege durchgeführt. Ein internationales Expertenteam entwickelte und implementierte mehrere innovative Techniken, um den Turm zu stabilisieren und seine Neigung zu reduzieren:
- Gewichtsverlagerung: Zunächst wurden auf der Nordseite (der höheren Seite des Turms) temporäre Gegengewichte aus Blei angebracht. Diese Maßnahme verschob den Schwerpunkt des Turms leicht und verringerte vorübergehend die Kipptendenz.
- Gezielter Bodenaushub: Dies war die innovativste und riskanteste Methode. Ingenieure entfernten vorsichtig Erdmaterial unter der Nordseite des Turms, Schicht für Schicht. Dies ermöglichte ein kontrolliertes, leichtes Absinken dieser Seite, wodurch die Neigung des Turms schrittweise verringert wurde. Diese Arbeit erforderte äußerste Präzision und ständige Überwachung, um einen unkontrollierten Kollaps zu verhindern.
- Stahlseile und Verankerungen: Während der gesamten Arbeiten wurde der Turm mit starken Stahlseilen gesichert, die an Ankerpunkten in der Ferne befestigt waren. Diese dienten als Notfall-Sicherung, falls der Turm während des Aushubs unkontrolliert absinken sollte.
- Fundamentverstärkung: Um weitere Setzungen zu verhindern, wurde der Boden unter dem Turm mit einer speziellen Technik stabilisiert, die die Tragfähigkeit des Untergrunds verbesserte.
Durch diese Maßnahmen konnte die Neigung des Turms von 5,5 auf etwa 3,97 Grad reduziert werden. Dies entsprach einer Rückdrehung um fast 300 Jahre. Experten sind heute zuversichtlich, dass der Turm für die nächsten 200 bis 300 Jahre stabil bleiben wird, ohne dass weitere größere Eingriffe erforderlich sind.
Kann der Turm trotzdem in Zukunft umfallen?
Obwohl der Schiefe Turm von Pisa heute als sicherer gilt als seit Jahrhunderten, gibt es theoretische Szenarien, in denen er umstürzen könnte:
- Ein starkes Erdbeben: Pisa liegt in einer Region, die gelegentlich von Erdbeben betroffen ist. Ein extrem starkes Beben könnte das empfindliche Gleichgewicht des Turms stören. Interessanterweise hat der Turm bereits mehrere Erdbeben in seiner Geschichte überstanden. Es wird vermutet, dass der weiche Boden, der für seine Neigung verantwortlich ist, gleichzeitig eine Rolle als Stoßdämpfer spielt und die Erschütterungen teilweise absorbiert.
- Weitere Bodenbewegungen: Falls sich die geologischen Bedingungen in der Region drastisch ändern oder der Boden unter dem Turm aus unvorhergesehenen Gründen erneut absacken sollte, könnte dies langfristig zu einer erneuten Instabilität führen. Der Turm wird daher weiterhin permanent überwacht.
- Ungeplante bauliche Eingriffe: Falls in der unmittelbaren Umgebung des Turms größere Bauprojekte durchgeführt werden, die den Untergrund beeinflussen, könnte dies ebenfalls zu Problemen führen. Daher sind Bauvorhaben in der Nähe des Turms streng reglementiert.
Häufig gestellte Fragen zum Schiefen Turm von Pisa
1. Warum ist der Schiefe Turm von Pisa überhaupt schief?
Der Hauptgrund ist der instabile Baugrund. Pisa liegt in einem Flussdelta mit weichem Sand, Ton und Lehm. Kurz nach Baubeginn im Jahr 1173 begann der Boden unter einem Teil des Fundaments stärker nachzugeben, was zu einer ungleichmäßigen Setzung und damit zur Neigung führte. Auch die geringe Fundamenttiefe von nur drei Metern trug dazu bei.
2. War der Turm jemals gerade?
Nein, der Turm war nie vollständig gerade. Die Neigung begann bereits während der ersten Bauphase im 12. Jahrhundert, als nur drei Stockwerke fertiggestellt waren. Die Baumeister versuchten später, die Neigung zu korrigieren, indem sie die oberen Stockwerke auf der geneigten Seite höher bauten, was zu einer leichten Krümmung des Turms führte.
3. Wird der Schiefe Turm von Pisa eines Tages umfallen?
Dank umfangreicher Stabilisierungsmaßnahmen, die zwischen 1990 und 2001 durchgeführt wurden, gilt der Turm heute als sicher. Seine Neigung wurde deutlich reduziert, und Experten gehen davon aus, dass er für mindestens 200 bis 300 Jahre stabil bleiben wird. Ein spontanes Umfallen ist unter den aktuellen Bedingungen äußerst unwahrscheinlich, obwohl potenzielle Risiken wie sehr starke Erdbeben oder unvorhergesehene Bodenbewegungen theoretisch bestehen.

4. Kann man den Schiefen Turm von Pisa besichtigen?
Ja, der Turm ist für Besucher geöffnet. Es ist jedoch unbedingt notwendig, Eintrittskarten weit im Voraus online zu kaufen. Die Anzahl der Touristen, die den Turm gleichzeitig betreten dürfen, ist stark begrenzt, weshalb Tickets oft Wochen oder sogar Monate im Voraus ausverkauft sind. Ohne vorherige Buchung ist ein Besuch meist nicht möglich.
5. Was wurde getan, um den Turm zu retten?
Zwischen 1990 und 2001 wurde eine groß angelegte Rettungsaktion durchgeführt. Dazu gehörten das Anbringen von Bleigegengewichten, um den Schwerpunkt zu verlagern, das gezielte Entfernen von Erdmaterial unter der höheren Seite des Turms, um ein kontrolliertes Absinken zu ermöglichen, und die Stabilisierung des Fundaments. Während der Arbeiten wurde der Turm zusätzlich mit Stahlseilen gesichert.
6. Gibt es andere berühmte schiefe Türme auf der Welt?
Ja, neben dem Turm von Pisa gibt es mehrere andere bemerkenswerte schiefe Türme. Dazu gehören der Kirchturm von Suurhusen in Deutschland (ehemaliger Rekordhalter des schiefsten unbeabsichtigten Turms), der Schiefe Turm von Gau-Weinheim (aktueller Rekordhalter) und der Turm des Montrealer Olympiastadions in Kanada (der höchste absichtlich schiefe Turm der Welt).
Fazit: Ein Symbol für Beharrlichkeit und Ingenieurskunst
Der Schiefe Turm von Pisa ist weit mehr als nur ein schiefes Gebäude. Er ist ein lebendiges Zeugnis der komplexen Beziehung zwischen menschlichem Bauen und den unerbittlichen Kräften der Natur. Seine Geschichte ist eine Mischung aus glücklichen Zufällen, menschlicher Beharrlichkeit und der Brillanz moderner Ingenieurskunst. Von einem drohenden Desaster im Mittelalter bis zu seiner Rettung im 21. Jahrhundert hat der Turm eine bemerkenswerte Reise hinter sich. Er steht als Symbol dafür, dass selbst die größten Herausforderungen durch wissenschaftliches Verständnis und innovative Lösungen gemeistert werden können. Für Besucher aus aller Welt bleibt er ein unvergessliches Erlebnis und ein ikonisches Motiv für die berühmte „Halte-den-Turm“-Pose – nun mit der Gewissheit, dass dieses Wunder der Architektur noch viele Generationen überdauern wird.
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