Was ist die berühmteste Hausbesetzung in Wien?

Pizzeria Anarchia: Wiens umkämpftes Symbol

20/05/2012

Rating: 4.51 (8652 votes)

Wien, eine Stadt reich an Geschichte und Kultur, kämpft auch mit modernen Herausforderungen, insbesondere im Bereich des Wohnungsmarktes. Leerstehende Gebäude sind in der Donaumetropole ein wiederkehrendes Ärgernis und oft der Auslöser für Hausbesetzungen. Diese Aktionen, zumeist von Aktivistinnen und Aktivisten getragen, sollen auf Missstände aufmerksam machen – sei es auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum, steigende Mieten oder die Spekulation mit Immobilien. Während einige dieser Besetzungen schnell in Vergessenheit geraten, prägen andere das kollektive Gedächtnis der Stadt. Ein besonders prominenter Fall, der weit über die Grenzen des neunten Bezirks hinaus Schlagzeilen machte und dessen Echo bis heute nachhallt, ist die Räumung der sogenannten "Pizzeria Anarchia" in der Mühlfeldgasse 12 im zweiten Bezirk. Diese Geschichte ist nicht nur ein Lehrstück über den Widerstand gegen Immobilienspekulation, sondern auch ein Beispiel für die komplexen Dynamiken zwischen Bewohnern, Eigentümern und der Staatsgewalt.

Was passiert in der Pizzeria?
Erst als die Polizei mit dem Panzer auch die Tür der Pizzeria aufbrach, wurden die Besetzer entdeckt. Sie wurden wegen zahlreicher Delikte festgenommen, etwa Widerstand gegen die Staatsgewalt und versuchte schwere Körperverletzung. Schon in den Mittagsstunden wurden mehr als 20 Aktivisten abgeführt, die sich vor dem Haus versammelt hatten.
Inhaltsverzeichnis

Leerstand und Protest in Wien: Ein Überblick

Hausbesetzungen sind in Wien kein neues Phänomen. Aktuell wird beispielsweise in der Harmoniegasse 10 in Wien-Alsergrund ein größtenteils leerstehendes Haus besetzt. Dort leben seit einigen Tagen rund zehn bis zwanzig Aktivistinnen und Aktivisten in Wohnungen, die seit Jahrzehnten ungenutzt sind. Auch in der Breiten Gasse im siebten Bezirk, wo ein Gebäude seit Jahren verfällt, gab es vor gut einem Jahr eine Besetzung, die auf den Verfall und den Mangel an Nutzung aufmerksam machen sollte. Ein weiterer Fall, der jüngst für Aufsehen sorgte, betraf ein Haus in der Mariannengasse 16–20, ebenfalls in Alsergrund. Hier protestierten Aktivistinnen und Aktivisten gegen Mieterhöhungen, die allgemeine Teuerung und drohende Zwangsräumungen. Transparente mit der Aufschrift "Solidarisch durch die Krisen" wurden entrollt, doch die Polizei war schnell vor Ort und räumte das Gebäude. Diese Beispiele zeigen, dass der Protest gegen den Leerstand und die damit verbundene Immobilienspekulation ein anhaltendes Thema in Wien ist. Doch keine dieser Besetzungen erreichte die Bekanntheit und Dramatik der "Pizzeria Anarchia", deren Geschichte eine besondere Wendung nahm.

Die Chronik der "Pizzeria Anarchia": Ein Katz-und-Maus-Spiel

Wie alles begann: Ein ungewöhnlicher Pakt

Die Geschichte der "Pizzeria Anarchia" in der Mühlfeldgasse 12 in Wien-Leopoldstadt ist eine der ungewöhnlichsten Hausbesetzungen Wiens. Sie begann im Jahr 2011, als der damalige Eigentümer das Zinshaus kaufte, vermutlich mit der Absicht, es als Spekulationsobjekt zu nutzen. 17 der 20 damaligen Mieter zogen aus, da sie dem neuen Besitzer Mobbing vorwarfen. Doch drei Mieter blieben hartnäckig. Um diese letzten Altmieter zu "vergraulen", soll der Eigentümer Ende 2011 die Punks, die später die "Pizzeria Anarchia" betreiben sollten, ins Haus gelockt haben – und das zu besten Konditionen: Sie zahlten lediglich eine symbolische Monatsmiete von einem Euro. Der Plan des Eigentümers ging jedoch nicht auf. Statt die verbliebenen Mieter zu vertreiben, solidarisierten sich die Punks mit ihnen. Dieses unerwartete Bündnis stellte die ursprüngliche Strategie des Eigentümers auf den Kopf und legte den Grundstein für einen langjährigen Konflikt.

Ein ungewöhnliches Bündnis und die Eskalation

Die Punks, oft als "Hippies" von den Anrainern bezeichnet, entwickelten sich zu einer festen Größe im Viertel. Sie waren "immer sehr nett und haben Feste organisiert", wie ein Anrainer berichtete. Niemand hatte unangenehme Erfahrungen mit ihnen. Diese gute Beziehung zur Nachbarschaft trug dazu bei, dass die Autonomen auch am Tag der Räumung die Sympathien vieler Schaulustiger auf ihrer Seite hatten. "Es ist sehr schade, dass sich der Rechtsstaat heute so für die Eigentümer ins Zeug legt. Denn die sind einfach Gfrastsackerln", äußerte sich Anrainer Reinhard Fischer. Ein Aktivist, der anonym bleiben wollte, betonte die Kernforderung: "Die Häuser sind zum Wohnen da, es soll nicht damit spekuliert werden. Es ist wichtig, dass es Freiräume ohne Konsumzwang gibt, in denen Solidarität herrscht."

Im Sommer 2012 lief der Vertrag der Autonomen mit der Immobilienfirma aus. Eine Räumungsklage wurde eingebracht und gerichtlich durchgesetzt. Ein erster Räumungsversuch scheiterte am Widerstand der Bewohner. Von da an war das Haus offiziell besetzt, und es begann ein monatelanges Kräftemessen, das in der spektakulären Räumung gipfelte.

Die finale Räumung: Ein Großaufgebot und unerwartete Wendungen

Die Räumung der "Pizzeria Anarchia" am Montag, dem 24. November 2014, war der Höhepunkt einer jahrelangen Auseinandersetzung und ein logistischer Kraftakt für die Wiener Polizei. Die Autonomen waren perfekt vorbereitet. Sie hatten im Inneren des Hauses Fallen gebaut, Türen zugemauert und Wurfgegenstände wie Farbbeutel, Böller und sogar Urin gebunkert. Fünf Lkw-Ladungen Metall und Schutt wurden aus den Fenstern geworfen. Die Vorbereitungen, einschließlich der Möglichkeiten zum Abseilen, waren offenbar über Monate hinweg erfolgt, da die Besetzer bereits im Mai von dem geplanten Räumungsdatum erfahren hatten.

Trotz eines Großaufgebots, das einen Polizeihubschrauber, einen grünen Panzer, einen Wasserwerfer und Polizisten aus fast allen Bundesländern umfasste (die Polizei sprach von "mehr als 1000" Beamten, während ein Dokument des Innenministeriums von 1700 sprach), dauerte die Räumung bis in die Abendstunden. Die WEGA-Beamten kämpften sich mühsam durch das Haus. Barrikaden versperrten den Weg, einige waren mit gefährlichen Fallen versehen. Im Erdgeschoss hatten die Punks eine zwei Meter tiefe Fallgrube gegraben. Zugeschweißte Türen waren so gesichert, dass Kühlschränke herunterstürzen konnten, wenn sie geöffnet wurden.

Um 18:30 Uhr gab es eine Überraschung: Im dritten Stock trafen die Polizisten nur auf drei Personen, die festgenommen wurden. 16 weitere Besetzer seilten sich derweil unbemerkt in die "Pizzeria Anarchia" im Erdgeschoss ab und versteckten sich dort. Erst als die Polizei mit dem Panzer die Tür der Pizzeria aufbrach, wurden die restlichen Besetzer entdeckt und wegen zahlreicher Delikte, darunter Widerstand gegen die Staatsgewalt und versuchte schwere Körperverletzung, festgenommen. Schon in den Mittagsstunden waren mehr als 20 Aktivisten, die sich vor dem Haus versammelt hatten, abgeführt worden.

Welche Hausbesetzungen gibt es in Wien?
Hausbesetzungen kommen in Wien vergleichsweise selten vor. Im Vorjahr wurde kurzzeitig ein Haus am Rathausplatz besetzt, 2020 die Hetzgasse 8 in Wien-Landstraße. (zof, poll, APA, 18.3.2022) Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

Hinter den Kulissen: Die Eigentümer und ihre Machenschaften

Das Geschäft mit dem Wohnraum: Ein Muster der Drangsalierung

Hinter der Firma, die das Haus in der Mühlfeldgasse 12 besaß, stecken zwei Unternehmer, die in Wien über eine Vielzahl von Firmen mehrere Immobilien besitzen. In vielen dieser Zinshäuser kam es in den vergangenen Jahren zu massiven Beschwerden der Mieter. Die "Pizzeria Anarchia" war kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters. Das Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) dokumentierte 16 Zinshäuser im Eigentum dieser beiden Geschäftsleute, in denen es zu Problemen kam.

Ein Beispiel ist ein Zinshaus in der Siebenbrunnengasse im 5. Bezirk, wo Bewohner vor zwei Jahren mit haltlosen Räumungsklagen drangsaliert wurden. Mitten im Winter fehlten plötzlich die Gangfenster, Türen wurden mit Neonazi-Symbolen beschmiert, und einzelne Wohnungen als Massenquartiere weitervermietet. Ähnliche Zustände herrschten auch in einem Zinshaus in der Märzstraße im 15. Bezirk.

Besondere Brisanz erhielt die Situation durch den Großbrand in der Heinestraße 12 im 2. Bezirk. Dort waren rund 30 rumänische Bettler in einem Massenquartier untergebracht. Das Haus gehörte über die Firma Atera denselben Wiener Geschäftsleuten. Auch hier gab es den Vorwurf, dass mit "wüsten Methoden" versucht wurde, Altmieter aus dem Haus zu drängen, um die Gebäude zu sanieren und gewinnbringend zu verkaufen. Die Vorkommnisse waren "fast immer deckungsgleich", wie es im Büro Ludwig hieß. Ein weiteres Beispiel ist die Brigittagasse 14 im 20. Bezirk, wo ebenfalls Massenquartiere für rumänische Bettler eingerichtet wurden, sich Müll stapelte und Ungezieferbefall herrschte. Mieter, die dennoch ausharrten, wurden mit "offensichtlich ungerechtfertigten" Kündigungsklagen eingedeckt.

Gegenmaßnahmen und die Rolle der Stadt Wien

Die Stadt Wien, insbesondere das Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, versucht betroffenen Mietern Unterstützung zukommen zu lassen. Dazu gehört die Bereitstellung von Anwälten aus dem Rechtshilfe-Fonds. Die meisten Fälle werden demnach erfolgreich abgeschlossen, auch wenn Mieter "einen langen Atem" brauchen. Oft geben die Eigentümer klein bei, wenn sie auf dem rechtlichen Weg zermürbt werden sollen. Schwieriger gestaltet sich der Umgang mit Bettler-Massenquartieren, da es hier gesetzlich keine Möglichkeit zum Einschreiten gibt, es sei denn, es besteht Gefahr im Verzug. In solchen Fällen wird versucht, in Kooperation mit den Behörden aus den Heimatländern an die Hintermänner zu gelangen.

Die Kosten der Konfrontation: Ein teurer Einsatz

Die Räumung der "Pizzeria Anarchia" war nicht nur spektakulär, sondern auch äußerst kostspielig. Obwohl die genauen Zahlen erst nach parlamentarischen Anfragen feststehen, gab Polizeisprecher Roman Hahslinger an, es seien "mehr als 1000" Polizisten im Einsatz gewesen. Schätzungen reichten bis zu 1700 Beamte. Die Kosten für den Einsatz eines Polizeihubschraubers, des grünen Panzers und des Wasserwerfers sowie die Überstunden der zahlreichen Beamten summierten sich. Ein Vergleich mit anderen Großereignissen in Wien verdeutlicht die Dimensionen:

EreignisPolizisten (ca.)Kosten (ca.)
Akademikerball (2014)20001.000.000 Euro
Räumung Lindengasse25085.000 Euro
Räumung Pizzeria Anarchia1000+300.000 - 400.000 Euro (geschätzt)

Die geschätzten Kosten für die Räumung der "Pizzeria Anarchia" lagen somit deutlich über denen kleinerer Räumungen und erreichten einen beträchtlichen Anteil der Summe, die für den Schutz des Akademikerballs aufgewendet wurde. Dies unterstreicht die Komplexität und den Aufwand, den die Staatsgewalt betreiben musste, um die Besetzung zu beenden.

Stimmen zur Räumung: Polarisierung und Kritik

Die Räumung rief erwartungsgemäß unterschiedliche Reaktionen hervor. Der grüne Gemeinderat Klaus Werner-Lobo, der vor Ort war, kritisierte das Großaufgebot scharf. Er vermutete, es diene allein dazu, mögliche Sympathisanten abzuschrecken. Auch Georg Prack, Landessprecher der Grünen Wien, sah den Polizeieinsatz als unverhältnismäßig an: "Hunderte PolizistInnen, ein Panzerwagen, Wasserwerfer, großräumige Absperrungen und Platzverbote verunsichern die lokale Bevölkerung. Dabei wäre Deeskalation angebracht."

Demgegenüber stellte sich Paul Hefelle, ÖVP-Bezirksrat in der Leopoldstadt, hinter die Polizei. Er betonte, man könne die Beamten nicht zum Sündenbock stempeln, und verwies darauf, dass die Aktivisten sich auf den Deal mit dem Eigentümer eingelassen hätten und die Räumung gerichtlich rechtskräftig sei. Der Leopoldstädter FPÖ-Obmann Wolfgang Seidl begrüßte die Räumung und beklagte, dass der "linke Pöbel" viel zu lange in der Mühlfeldgasse 12 "hausen, die Gegend verdrecken und die Lebensqualität der Anrainer zerstören" durfte.

Was ist die berühmteste Hausbesetzung in Wien?
Die in Wien wohl berühmteste Hausbesetzung der letzten Jahre war die Pizzeria Anarchia im zweiten Bezirk. In das Haus in der Mühlfeldgasse wurden von den Eigentümern selbst Punks als Zwischenmieter einquartiert, um unliebsame Altmieter zu vertreiben.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Warum werden Häuser in Wien besetzt?

Häuser werden in Wien primär besetzt, um auf Missstände am Wohnungsmarkt aufmerksam zu machen. Dazu gehören leerstehende Gebäude, die nicht genutzt werden, während gleichzeitig bezahlbarer Wohnraum knapp ist. Aktivisten protestieren auch gegen Mieterhöhungen, die Teuerung und Zwangsräumungen, um auf die Notlage vieler Menschen hinzuweisen und Freiräume ohne Konsumzwang zu schaffen.

Was ist die "Pizzeria Anarchia"?

Die "Pizzeria Anarchia" war der Name, unter dem die Hausbesetzung in der Mühlfeldgasse 12 in Wien-Leopoldstadt bekannt wurde. Ursprünglich wurden Punks vom Eigentümer in das Haus gelockt, um Altmieter zu vertreiben. Doch die Punks solidarisierten sich mit den verbliebenen Mietern und gründeten ein Kollektiv, das sich gegen die Immobilienspekulation wehrte und auch eine Pizzeria betrieb.

Wie reagiert die Polizei auf Hausbesetzungen?

Die Polizei reagiert auf Hausbesetzungen in der Regel mit Räumungen, sobald eine gerichtliche Verfügung vorliegt. Der Umfang des Einsatzes variiert je nach erwartetem Widerstand und der Größe der Besetzung. Im Fall der "Pizzeria Anarchia" kam es zu einem massiven Polizeiaufgebot mit Spezialkräften, Panzern und Wasserwerfern, was oft Kritik wegen der Verhältnismäßigkeit hervorruft.

Was sind die Rechte von Mietern in Fällen von Drangsalierung durch Eigentümer?

Mieter, die von Eigentümern drangsaliert werden, haben Rechte und können sich an die Stadt Wien wenden. Das Büro des Wohnbaustadtrats bietet Unterstützung, einschließlich Rechtsberatung und Anwälten aus dem Rechtshilfe-Fonds. Es ist wichtig, solche Vorfälle zu melden und einen langen Atem zu haben, da die rechtlichen Auseinandersetzungen zeitintensiv sein können.

Wer sind die Eigentümer hinter solchen Fällen von Immobilienspekulation?

In vielen bekannt gewordenen Fällen, wie dem der "Pizzeria Anarchia", stecken oft zwei oder mehr Geschäftsleute hinter einer Vielzahl von Firmen, die Immobilien erwerben. Diese Eigentümer nutzen teils fragwürdige Methoden, um Altmieter aus ihren Wohnungen zu drängen, damit die Häuser saniert und gewinnbringend verkauft oder teurer vermietet werden können. Die Stadt Wien versucht, gegen solche "Machenschaften" vorzugehen, wenn sie bekannt werden.

Fazit

Die Geschichte der "Pizzeria Anarchia" ist weit mehr als nur die Erzählung einer Hausbesetzung. Sie ist ein Spiegelbild der anhaltenden Spannungen auf dem Wiener Wohnungsmarkt und ein Symbol für den Kampf gegen Immobilienspekulation. Der Fall beleuchtet die komplexen Beziehungen zwischen Aktivismus, Nachbarschaft, Eigentumsrechten und der Rolle der Staatsgewalt. Während die Räumung der "Pizzeria Anarchia" das Ende einer Ära markierte, bleiben die Fragen, die sie aufwarf, relevant: Wie können leerstehende Immobilien sinnvoll genutzt werden? Wie kann die Solidarität unter den Bewohnern gestärkt werden? Und welche Rolle spielen Pizzerien in diesem Kampf? Der Fall "Pizzeria Anarchia" bleibt ein Mahnmal und ein wichtiger Bezugspunkt in der Diskussion um bezahlbaren Wohnraum und soziale Gerechtigkeit in Wien.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Pizzeria Anarchia: Wiens umkämpftes Symbol kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Pizza besuchen.

Go up