Was ist die wichtigste Pizza?

Pizza Margherita alla Napoletana: Ein Kulturerbe

20/01/2020

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In den Gassen Neapels, wo der Duft von frischem Basilikum und reifen Tomaten in der Luft liegt, wurde nicht nur eine Speise, sondern ein wahres Kulturerbe geboren: die Pizza Margherita alla Napoletana. Sie ist nicht nur die berühmteste Pizza der Welt, sondern auch das kulinarische Herzstück Kampaniens, ein Symbol für Einfachheit, Qualität und tief verwurzelte Tradition. Diese Pizza, benannt nach einer Königin, verkörpert die Seele einer ganzen Region und hat sich ihren Platz als UNESCO-Weltkulturerbe redlich verdient. Doch was macht diese scheinbar einfache Kombination aus Teig, Tomaten, Mozzarella und Basilikum so einzigartig und unnachahmlich?

Die Geschichte der Pizza Margherita ist ebenso farbenfroh wie ihr Aussehen. Man schreibt das Jahr 1889, als König Umberto I. und seine Gemahlin Königin Margherita von Savoyen Neapel besuchten. Raffaelo Esposito, der berühmte Pizzabäcker der Pizzeria Brandi, wurde beauftragt, drei verschiedene Pizzen für die königliche Hoheit zuzubereiten. Eine davon war eine Hommage an die Farben der italienischen Flagge: roter Tomatensauce, weißem Mozzarella und grünem Basilikum. Die Königin war Berichten zufolge so begeistert von dieser patriotischen Kreation, dass die Pizza fortan ihren Namen trug – die Pizza Margherita war geboren. Doch ihre Wurzeln reichen weit tiefer, bis zu den einfachen Fladenbroten, die schon lange vor der Königin in Neapel gebacken und mit einfachen Zutaten belegt wurden. Die königliche Anerkennung katapultierte diese bescheidene Speise jedoch auf die Weltbühne und machte sie zum Inbegriff der italienischen Küche.

Was ist die Pizza Margherita alla Napoletana?
Die Pizza Margherita alla Napoletana ist die einzig wahre Pizza aus Neapel, benannt nach der Königin Margherita. Sie ist das Wahrzeichen Kampaniens.
Inhaltsverzeichnis

Das Geheimnis des authentischen Teigs: Eine Frage der Zeit und Handwerkskunst

Das Herzstück jeder wahren Pizza Napoletana ist der Teig. Er ist das Ergebnis jahrhundertelanger Erfahrung und strenger Regeln, die von der Associazione Verace Pizza Napoletana (AVPN) genauestens definiert wurden, um die Authentizität zu schützen. Der Teig besteht lediglich aus vier einfachen Zutaten: weichem Weizenmehl (Typ 00), Wasser, Salz und frischer Bierhefe. Doch die wahre Magie liegt in der Zubereitung und vor allem in der langen Gärzeit. Nach dem sorgfältigen Kneten, das traditionell per Hand oder mit einer speziellen Teigmaschine erfolgt, muss der Teig mindestens 8 bis 24 Stunden bei Raumtemperatur ruhen. Diese lange Fermentation ist entscheidend, um den Teig leicht und hochverdaulich zu machen und ihm die charakteristische Elastizität zu verleihen. Das Ergebnis ist ein Teig, der sich beim Backen zu einem luftigen, aufgeblasenen und leicht verkohlten Rand, dem sogenannten 'cornicione', erhebt, während die Mitte hauchdünn und weich bleibt.

Die Auserwählten Zutaten: Weniger ist mehr

Die Pizza Margherita alla Napoletana beweist, dass Perfektion in der Einfachheit liegt. Die Wahl der Zutaten ist dabei von größter Bedeutung und unterliegt ebenfalls strengen Vorschriften. Es sind nur wenige, aber dafür allerbeste Produkte erlaubt:

  • San Marzano Tomaten: Diese länglichen, fleischigen Tomaten stammen aus dem vulkanischen Boden um den Vesuv, genauer gesagt aus dem Agro Sarnese-Nocerino. Sie sind bekannt für ihren süßen, leicht säuerlichen Geschmack und ihr geringes Samenaufkommen. Sie werden zerkleinert und roh auf den Teig gegeben, um ihre Frische zu bewahren.
  • Mozzarella: Hier gibt es zwei zugelassene Varianten. Entweder der cremige Mozzarella di Bufala Campana DOP, hergestellt aus Büffelmilch, der für seinen kräftigeren Geschmack und seine Saftigkeit bekannt ist, oder der mildere Fior di Latte, ein Mozzarella aus Kuhmilch. Beide müssen von höchster Qualität sein und werden in mundgerechte Stücke geschnitten.
  • Frischer Basilikum: Einige frische Basilikumblätter werden vor oder nach dem Backen hinzugefügt, um ein aromatisches, leicht pfeffriges Aroma zu verleihen.
  • Natives Olivenöl Extra: Ein Schuss hochwertiges, natives Olivenöl extra, oft direkt aus Kampanien stammend, wird vor dem Backen über die Pizza geträufelt, um den Geschmack abzurunden und eine schöne Kruste zu gewährleisten.
  • Salz: Simples Meersalz.

Das Geheimnis des Ofens: Eine Hitzeschlacht von Sekunden

Was die Pizza Napoletana wirklich von anderen Pizzen unterscheidet, ist die Art des Backens. Sie wird in einem traditionellen Holzofen gebacken, der Temperaturen von unfassbaren 485°C (905°F) erreicht. Bei dieser extremen Hitze wird die Pizza in nur 60 bis 90 Sekunden perfekt gebacken. Diese kurze, intensive Backzeit führt dazu, dass der Teig sofort aufbläht, der Käse schmilzt und leicht karamellisiert, während die Tomaten ihre Frische behalten und der Basilikum sein Aroma entfaltet, ohne zu verbrennen. Der Boden der Pizza erhält dabei die charakteristischen 'Leopardenflecken' – leicht verkohlte Stellen, die auf die hohe Temperatur und die schnelle Backzeit hinweisen und ein Zeichen für Authentizität sind.

Die Rolle der AVPN: Hüterin der neapolitanischen Pizza-Tradition

Die Associazione Verace Pizza Napoletana (AVPN) wurde 1984 gegründet, um die "Wahre Neapolitanische Pizza" zu bewahren und zu fördern. Sie setzt strenge Regeln und Standards für die Herstellung dieser ikonischen Speise fest. Nur Pizzerien weltweit, die diese Richtlinien minutiös befolgen, dürfen das begehrte AVPN-Zertifikat tragen. Die Regeln betreffen jeden Aspekt: von der Art des Mehls und der Hefe über die Wassertemperatur und die Knetzeit bis hin zur Dicke des Teigrandes und der Temperatur des Ofens. Sogar die Art und Weise, wie die Pizza belegt wird – nicht zu viele Zutaten, um die Balance zu wahren – ist vorgeschrieben. Diese akribische Detailtreue ist der Grund, warum eine echte Pizza Napoletana so unvergleichlich schmeckt und ein Erlebnis für die Sinne ist. Es ist ein Akt der Handwerkskunst, der über Generationen weitergegeben wurde und nun durch die AVPN geschützt wird.

Warum ist sie so besonders? Die Synergie der Einfachheit

Die wahre Größe der Pizza Margherita alla Napoletana liegt in ihrer Einfachheit. Es ist die perfekte Harmonie weniger, aber hochwertiger Zutaten, die in präziser Weise kombiniert und gebacken werden. Jeder Bissen bietet eine Explosion von Aromen: die Süße der Tomaten, die Cremigkeit des Mozzarellas, das frische Aroma des Basilikums und die leicht rauchige Note des perfekt gebackenen Teiges. Sie ist nicht überladen, sondern lässt jede Zutat für sich sprechen und im Zusammenspiel ein Meisterwerk bilden. Es ist ein kulinarisches Erlebnis, das alle Sinne anspricht und die Essenz der mediterranen Küche einfängt.

Vergleich: Pizza Margherita alla Napoletana vs. Generische Margherita

Um die Besonderheit der echten neapolitanischen Margherita zu verdeutlichen, lohnt sich ein Vergleich mit einer generischen Margherita, wie man sie oft außerhalb Neapels findet:

MerkmalPizza Margherita alla NapoletanaGenerische Margherita
TeigSehr dünn in der Mitte, hoher, luftiger, leicht gebräunter Rand ('cornicione'). Lange Gärzeit (8-24h+).Gleichmäßig dick, oft knusprig, weniger ausgeprägter Rand. Kürzere Gärzeit.
TomatenSan Marzano DOP Tomaten (zerdrückt, roh).Beliebige Dosentomaten oder Passata.
KäseMozzarella di Bufala Campana DOP oder Fior di Latte.Beliebiger Mozzarella aus Kuhmilch, oft gerieben.
BasilikumFrische Basilikumblätter (oft erst nach dem Backen).Oft getrockneter Basilikum oder vor dem Backen hinzugefügt.
OfenHolzofen (485°C+).Elektrischer oder Gasofen (typ. 250-350°C).
Backzeit60-90 Sekunden.Mehrere Minuten.
Textur/GeschmackWeich, saftig, leicht elastisch, frische Aromen, leicht rauchig.Oft knusprig, manchmal trocken, weniger komplexe Aromen.

Kann man eine echte Pizza Napoletana zu Hause nachbacken?

Die kurze Antwort ist: Es ist extrem schwierig, die authentische Qualität einer Pizza Napoletana in einem Heimofen zu reproduzieren. Der Hauptgrund liegt in der Temperatur. Haushaltsöfen erreichen selten die benötigten 485°C, die für die ultra-kurze Backzeit und den charakteristischen 'cornicione' unerlässlich sind. Ohne diese extreme Hitze wird der Teig länger backen müssen, was zu einer trockeneren Kruste und einem anderen Mundgefühl führt. Dennoch können engagierte Hobbybäcker mit speziellen Pizzasteinen oder -öfen für den Hausgebrauch, die höhere Temperaturen erreichen, der Qualität nahekommen. Die Einhaltung der Teigruhezeiten und die Verwendung hochwertiger Zutaten sind dabei unerlässlich, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Die kulturelle Bedeutung und das Welterbe

Die Pizza Margherita alla Napoletana ist weit mehr als nur ein Gericht; sie ist ein integraler Bestandteil der neapolitanischen Identität und des italienischen Kulturerbes. Im Jahr 2017 wurde die Kunst des 'Pizzaiuolo' (des neapolitanischen Pizzabäckers) von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Dies unterstreicht die tiefe kulturelle Bedeutung und die jahrhundertealte Tradition, die mit der Herstellung dieser Pizza verbunden ist. Sie steht für Geselligkeit, Familie und die Freude am einfachen, aber exquisiten Essen, das tief in der lokalen Kultur verwurzelt ist und Neapel weltweit repräsentiert.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was ist der Hauptunterschied zwischen einer Pizza Margherita alla Napoletana und einer „normalen“ Margherita?

Der Hauptunterschied liegt in den strengen Regeln für Zutaten, Teigzubereitung (lange Gärzeit), und vor allem in der Backmethode (extrem heißer Holzofen, 60-90 Sekunden Backzeit). Eine „normale“ Margherita hat oft einen dickeren, knusprigeren Boden und wird in weniger heißen Öfen länger gebacken.

Warum ist der Rand der neapolitanischen Pizza so dick und luftig?

Der dicke, luftige Rand (der 'cornicione') entsteht durch die hohe Hitze des Holzofens, die den Teig sofort aufgehen lässt, und durch die lange Fermentation des Teigs, die ihn besonders elastisch macht.

Welche Tomaten werden für die Pizza Napoletana verwendet?

Traditionell werden San Marzano Tomaten aus der Region Kampanien verwendet. Sie sind für ihren süßen und leicht säuerlichen Geschmack bekannt.

Muss der Mozzarella Büffelmozzarella sein?

Nein, es ist auch Fior di Latte (Kuhmilch-Mozzarella) erlaubt. Beide müssen jedoch von hoher Qualität sein.

Was bedeutet AVPN?

AVPN steht für Associazione Verace Pizza Napoletana (Vereinigung für die wahre neapolitanische Pizza). Sie ist eine Organisation, die sich der Bewahrung und Förderung der authentischen neapolitanischen Pizza widmet und strenge Richtlinien für ihre Herstellung festlegt.

Kann ich eine Pizza Napoletana auch im Gasgrill backen?

Einige moderne Gasgrills erreichen mit einem Pizzastein oder speziellen Aufsätzen sehr hohe Temperaturen, die dem Holzofen nahekommen. Es ist möglich, gute Ergebnisse zu erzielen, aber die Authentizität des Holzofenaromas bleibt schwer zu replizieren.

Warum ist die Pizza in der Mitte so dünn und manchmal etwas feucht?

Die dünne Mitte ist charakteristisch für die Pizza Napoletana. Sie wird beim Ausbreiten des Teigs so geformt und bleibt durch die kurze Backzeit und die Feuchtigkeit der Tomaten und des Mozzarellas weich und leicht feucht.

Die Pizza Margherita alla Napoletana ist somit weit mehr als nur ein Gericht. Sie ist ein Symbol der neapolitanischen Kultur, eine Hommage an Tradition und Authentizität und ein unwiderstehliches Zeugnis dafür, wie wenige, aber perfekt gewählte Zutaten in den richtigen Händen zu einem unvergesslichen kulinarischen Erlebnis werden können. Wer einmal die wahre Pizza Napoletana probiert hat, wird den Unterschied schmecken und verstehen, warum sie weltweit so verehrt wird.

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