Pizzen oder Pizzas? Ein kulinarisches Sprachrätsel

17/07/2020

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Wir alle lieben Pizza – dieses köstliche Gericht, das uns aus Italien erreicht hat und die Herzen weltweit erobert. Doch sobald es um mehr als eine geht, taucht eine Frage auf, die selbst Muttersprachler ins Grübeln bringt: Sagt man eigentlich Pizzen oder Pizzas? Manchmal fühlen wir uns in unserer Muttersprache absolut sicher, doch dann stolpern wir über Phänomene, die uns unsicher machen, weil beide Varianten im Umlauf sind und wir die Hintergründe der Zweifel nicht verstehen. Diese sogenannten sprachlichen Zweifelsfälle sind in der deutschen Linguistik ein bekanntes Phänomen, das auf allen Ebenen der Sprache existiert und uns vor scheinbar unlösbare Rätsel stellt.

Was ist der Unterschied zwischen Pizza und Pizzas?
Pizza ist ein entlehntes Fremdwort aus dem Italienischen, dessen Plural dort pizze lautet. Da diese Pluralbildung im Deutschen so nicht existierte, fand sich ein Mittelweg: Man bildet aus dem italienischen pizza, welches genau so übernommen wurde, einen deutschen Plural: Pizzas.

Wer hat sich nicht schon einmal gewundert, wieso einige Menschen Pizzas und andere Pizzen sagen und ob wirklich beide Formen korrekt sind? Und wenn ja, warum? Solche Unsicherheiten sind nicht nur auf die Pizza beschränkt, sondern zeigen sich in vielen Bereichen unserer Sprache. Sie sind ein Zeugnis dafür, dass Sprache ein lebendiges System ist, das sich ständig weiterentwickelt und nicht immer den strengen Regeln eines starren Lehrbuchs folgt. Sehen wir uns den Fall der Pizza einmal genauer an.

Inhaltsverzeichnis

Pizzen vs. Pizzas: Ein Blick ins Herz der Pluralbildung

Die Frage, ob es nun Pizzen oder Pizzas heißt, ist einer der bekanntesten sprachlichen Zweifelsfälle im Deutschen. Und die gute Nachricht vorweg: Der Duden, die maßgebliche Instanz für die deutsche Rechtschreibung, erklärt beide Formen als korrekt. Das mag für viele überraschend sein, denn unser Sprachgefühl drängt uns oft dazu, eine „richtige“ und eine „falsche“ Variante zu suchen. Doch die Gründe für diese Doppelung liegen tief in der Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Interaktion mit anderen Sprachen.

Die Pluralbildung im Deutschen ist vielfältig und erfolgt mittels verschiedener Endungen, die man Flexive nennt. Diese werden an den Wortstamm angehängt, den unveränderlichen Teil eines Wortes. So wird aus „Welt“ das Pluralflexiv „-en“ angehängt, und schon hat man „zwei Welten“. An „Gefühl“ wird ein „-e“ angehängt, und an „Auto“ ein „-s“. Bei einigen Wörtern verändert sich dabei auch der Wortstamm leicht, wie bei „Bank“ zu „Bänke“. Diese Flexive entstanden durch komplexe sprachliche Wandelprozesse über Jahrhunderte hinweg.

Die Entlehnung und ihre Folgen: Warum Pizza so speziell ist

„Pizza“ ist jedoch kein ursprünglich deutsches Wort, sondern ein entlehntes Fremdwort aus dem Italienischen. Im Italienischen lautet der Plural von „pizza“ übrigens „pizze“. Diese italienische Pluralbildung konnte im Deutschen nicht einfach übernommen werden, da sie nicht in unser System passte. Daher suchte die deutsche Sprache einen Mittelweg, um aus dem italienischen „pizza“, das genau so ins Deutsche übernommen wurde, einen deutschen Plural zu bilden.

Eine Möglichkeit war die Anfügung des typisch deutschen Flexivs „-en“. Doch dieses Flexiv lässt sich nicht so einfach an das „-a“ von „Pizza“ anhängen. Würde man es streng nach der Regel bilden, müsste es eigentlich *Pizzaen lauten, was sich unnatürlich und sperrig anhört. Dennoch gibt es Präzedenzfälle für diese Art der Fremdwortintegration des Plurals: So werden aus „Villa“ die „Villen“ und aus „Atlas“ die „Atlanten“. Diese Analogie half „Pizzen“ zu etablieren.

Die andere Möglichkeit, die sich im Deutschen für Fremdwörter etabliert hat, ist die Anfügung des „-s“-Plurals. Dieser Plural tritt häufig an Fremdwörter an, insbesondere solche, die auf einen Vokal enden (z. B. „Videos“, „Restaurants“, „Cafés“). Er ist besonders einfach zu bilden, da er einfach an das Wort angehängt wird, ohne den Wortstamm zu verändern. So entstand die Form „Pizzas“ – eine direkte Anpassung an ein gängiges deutsches Pluralbildungsmuster für Lehnwörter.

Das „undeutsche“ -s oder das „gehobene“ -en? Stil und Prestige

Die Existenz zweier korrekter Pluralformen führt unweigerlich zu Diskussionen über Stil und Präferenz. Eine häufige Begründung für die Wahl von „Pizzen“ ist eine stilistische: Das „-en“ gelte als gehobener, wer es nutze, sei sprachlich gebildeter, oder es höre sich schlichtweg „besser“ an. Dies liegt daran, dass der „-s“-Plural häufig an Fremdwörter tritt und somit manchmal als „undeutsch“ oder weniger „rein“ empfunden wird. Doch diese Wahrnehmung ist irreführend.

Was ist der Unterschied zwischen Pizza und Pizzas?
Pizza ist ein entlehntes Fremdwort aus dem Italienischen, dessen Plural dort pizze lautet. Da diese Pluralbildung im Deutschen so nicht existierte, fand sich ein Mittelweg: Man bildet aus dem italienischen pizza, welches genau so übernommen wurde, einen deutschen Plural: Pizzas.

Tatsächlich gibt es auch viele deutsche Wörter, die mit dem „-s“-Plural gebildet werden (z. B. „Kuckucks“, „Achs und Wehs“, oder ältere Formen wie „Jungens“, „Engels“, „Onkels“). Zudem ist der „-s“-Plural sehr einfach zu benutzen und verändert das Wort nicht, wohingegen der „-en“-Plural bei Fremdwörtern häufig zu Veränderungen führt (man denke an „Taxis“ zu „Taxen“). Man könnte also argumentieren, dass die Verwendung des „-en“-Plurals in diesen Fällen sprachlich etwas komplizierter ist, was wiederum zur Wahrnehmung einer höheren Kompetenz führen könnte – ein Aspekt von Prestige, der in der Sprachnutzung oft eine Rolle spielt.

Es ist ein faszinierendes Phänomen, wie wir unbewusst Präferenzen entwickeln. Haben Sie sich nicht auch schon einmal bewusst und wohlüberlegt den Konjunktiv anstelle von „würde“ verwendet? Sagen Sie nicht auch lieber „Pizzen“, weil es irgendwie „schöner“ oder „intelligenter“ klingt? Diese Präferenzen sind oft weniger grammatisch begründet als vielmehr durch soziale oder stilistische Assoziationen.

Sprache ist lebendig: Die Dynamik hinter den Zweifelsfällen

Hier kommen wir zu einem sehr wichtigen Punkt bezüglich der Zweifelsfälle: Sprache ist nicht homogen. Die systematischen Regelungen richten sich nach der Sprache und nicht andersherum. Da Sprache aufgrund verschiedenster Gründe entsteht, gebraucht wird und sich stetig verändert, ist es gar nicht so wunderlich, dass einige Regeln oder Systematiken nicht immer perfekt funktionieren. Und doch fragt man immer nach dem „Warum“ und begründet seine Entscheidungen der Sprachnutzung für gewöhnlich mit dem Sprachgefühl und Fällen, die ähnlich zu sein scheinen.

Beide Pluralflexive, „-en“ und „-s“, haben also ihre Berechtigung in unserer Sprache und auch eine lange Tradition in ihrer Verwendung. Es gibt Gründe, wieso diese und andere Pluralflexive entsprechend auftreten, nur scheinen sie in diesen Fällen nicht einwandfrei zu greifen. Insbesondere Fremdwörter machen es uns offenbar schwer, sich für einen Plural zu entscheiden. Ähnliche Beispiele sind zum Beispiel „Saldo“ (Saldi oder Salden?), „Konto“ (Kontos oder Konten?), „Balkon“ (Balkons oder Balkone?) und „Globus“ (Globusse oder Globen?).

Die seit dem 17. Jahrhundert bestehende Sprachstandardisierung, die das Deutsche überregional, stilistisch neutral und homogen machen sollte, hat eine „Richtig-Falsch“-Ideologie hervorgerufen. Doch sprachliche Zweifelsfälle resultieren aus sprachlichen Wandelprozessen, die nicht 100%ig gleich verlaufen sind. Durch bestimmte Prozesse wurden zum Beispiel Endungen getilgt, Laute wandelten sich, neue Bildungsparadigmen entstanden und so weiter. Dies führt dazu, dass sich zwei Varianten nebeneinander etablieren können.

Vergleichstabelle: Pizzen vs. Pizzas

MerkmalPizzenPizzas
Herkunft des PluralsAnalogie zu deutschen Wörtern (z.B. Villa → Villen), trotz unregelmäßiger Anpassung des italienischen StammesDirekte Anfügung des „-s“-Plurals, typisch für viele Fremdwörter (z.B. Auto → Autos)
Wahrnehmung / StilOft als „gehobener“, „deutscher“ oder „eleganter“ empfunden; kann mit sprachlicher Bildung assoziiert werdenOft als „einfacher“, „moderner“ oder „weniger formell“ empfunden; weit verbreitet
Grammatische BasisEntsteht durch Angleichung an einheimische PluralmusterEntsteht durch häufige Anwendung des „-s“-Plurals bei Fremdwörtern
Häufigkeit im SprachgebrauchWeit verbreitet, besonders in der Schriftsprache und bei formalerem GebrauchSehr weit verbreitet, oft im umgangssprachlichen Gebrauch und bei schneller Kommunikation
Duden-StatusKorrektKorrekt

Häufig gestellte Fragen zu Pizzen und Pizzas

Ist eine Form korrekter als die andere?
Nein, laut Duden sind beide Formen, Pizzen und Pizzas, grammatisch korrekt und können verwendet werden.
Warum existieren überhaupt zwei Pluralformen für Pizza?
Dies ist ein typischer Fall eines „sprachlichen Zweifelsfalls“, der durch die Entlehnung des Wortes aus dem Italienischen und die Anpassung an verschiedene deutsche Pluralbildungsmuster entstanden ist. Sprache ist dynamisch und nicht immer vollkommen systematisch.
Gibt es einen stilistischen Unterschied zwischen Pizzen und Pizzas?
Ja, oft wird „Pizzen“ als die etwas gehobenere oder „klassischere“ Form wahrgenommen, während „Pizzas“ als einfacher und umgangssprachlicher gilt. Dies ist jedoch eher eine Frage der Präferenz und Assoziation als einer strikten Regel.
Warum wird der -s-Plural manchmal als „undeutsch“ angesehen?
Der -s-Plural ist bei vielen Fremdwörtern sehr gebräuchlich, was dazu führen kann, dass er als weniger „eigentümlich deutsch“ empfunden wird. Allerdings wird der -s-Plural auch bei vielen einheimischen deutschen Wörtern verwendet, was diese Ansicht relativiert.
Was sollte ich verwenden, wenn ich unsicher bin?
Sie können beide Formen bedenkenlos verwenden. Wählen Sie die, die Ihnen persönlich besser gefällt oder die in Ihrem spezifischen Kontext üblicher ist. Sie machen keinen Fehler.

Fazit: Beide sind korrekt – Die Schönheit der Sprachvielfalt

Am Ende bleibt festzuhalten: Es ist beides möglich und beides korrekt. Die Diskussion um „Pizzen“ und „Pizzas“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie lebendig und dynamisch die deutsche Sprache ist. Sie zeigt, dass Sprache sich stetig verändert und dass nicht alle Entwicklungen in ein einziges, starres System passen. Solche sprachlichen Zweifelsfälle sind keine Fehler, sondern ein natürliches Ergebnis des Sprachwandels und der Integration von Fremdwörtern.

Wir Sprecher sorgen letztlich dafür, dass wir uns für eine Variante entscheiden oder differenzieren. Manchmal gelingt das aber einfach nicht, und zwei Varianten existieren problemlos nebeneinander. Ob einem das gefällt oder nicht, Sprache ist lebendig und wird sich immer verändern. Und das ist gut so, denn es macht unsere Sprache reich und faszinierend – genau wie eine perfekt gebackene Pizza, egal ob Sie am Ende von einer oder vielen Pizzen oder Pizzas sprechen!

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