Was ist die umstrittenste Pizza der Welt?

Pizza Hawaii: Geliebt, gehasst, unvergessen

08/10/2017

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Die Pizza Hawaii ist weit mehr als nur ein Gericht; sie ist ein Phänomen, ein kulinarisches Schlachtfeld, auf dem sich seit Jahrzehnten die Geister scheiden. Für die einen ist sie ein Meisterwerk des süß-salzigen Gleichgewichts, eine willkommene Abwechslung im Pizza-Einerlei. Für die anderen stellt sie einen regelrechten Frevel dar, eine Beleidigung der italienischen Kochkunst. Kaum ein Pizzabelag hat in der Geschichte der Pizza für so viel Zwist gesorgt wie die Ananas. Doch trotz aller Kontroversen hat sich diese einzigartige Kreation durchgesetzt und ist aus den Pizzerien dieser Welt kaum mehr wegzudenken. Sie hat sich von einem experimentellen Gericht zu einem festen Bestandteil der globalen Pizzakultur entwickelt und bleibt ein ewiges Gesprächsthema unter Feinschmeckern und Gelegenheitsessern gleichermaßen.

Was ist der Unterschied zwischen Pizza Hawaii und Ananas?
In Italien wird die Pizza Hawaii von traditionellen Pizzabäckern oft kritisch gesehen; bekannte Pizzaioli lehnen Ananas auf Pizza strikt ab. Doch moderne Pizzabäcker, darunter Franco Pepe, haben diese ungewöhnliche Kombination erfolgreich auf ihre Speisekarten aufgenommen. [5]
Inhaltsverzeichnis

Die Geburt eines Kontroversenklassikers: Ein Grieche in Kanada

Die Geschichte der Pizza Hawaii beginnt nicht etwa in Italien, dem Mutterland der Pizza, sondern im kanadischen Chatham, Ontario. Ihr Schöpfer war Sam Panopoulos, ein griechischer Einwanderer, der in den 1950er-Jahren nach Kanada kam. Zunächst arbeitete er in den Minen, bevor er mit seinen beiden Brüdern mehrere Restaurants eröffnete, darunter das „Satellite“. In diesem unscheinbaren Lokal soll Panopoulos im Jahr 1962 die Hawaiian Pizza erfunden haben.

Panopoulos’ Weg nach Kanada führte ihn über Neapel, wo er zum ersten Mal mit der Pizza in Berührung kam und ihren Geschmack kennenlernte. Diese Begegnung sollte prägend sein. Als er später in Kanada selbst mit der italienischen Spezialität experimentierte, hatte er „keinen blassen Schimmer von Rezeptur oder Machart“, wie er dem „Atlas Obscura“ einst berichtete. Er legte einfach los, getrieben von dem Wunsch, etwas Neues zu schaffen.

Zu jener Zeit war Pizza in Kanada noch keine große Sache. Panopoulos selbst erinnerte sich: „Pizza war eigentlich überhaupt nicht bekannt. Selbst Toronto wusste nichts von Pizza.“ Die Pizza, die es gab, war „primitiv“ und bestand hauptsächlich aus Teig, Soße, Käse und wenigen Belägen wie Speck, Pilzen oder Peperoni. „Das war alles. Man hatte keine Wahl. Man konnte nur eine von den Dreien oder mehrere davon zusammen bekommen.“ Doch Panopoulos wollte mehr, er suchte nach Innovation, nach einer Erweiterung des kulinarischen Horizonts.

Die revolutionäre Kombination: Schinken, Speck und Ananas

Getrieben von diesem Innovationsgeist begann Sam Panopoulos, ungewöhnliche Kombinationen auszuprobieren. Er war es leid, immer nur die gleichen Beläge anzubieten. So kam er auf die Idee, süße und herzhafte Komponenten zu vereinen. Er warf Schinken, Speck und – zum damaligen Zeitpunkt eine absolute Neuheit auf Pizza – die Ananas zusammen auf den Teig. „Wir haben es einfach draufgelegt, nur zum Spaß, um zu sehen, wie es schmeckt“, erzählte der Grieche einst der BBC. Was als Experiment begann, sollte die Pizza-Welt für immer verändern.

Während viele ihn für verrückt erklärten und seine Kreation mit Skepsis betrachteten, mochte Panopoulos seine „Hawaiian Pizza“. Die ungewöhnliche Mischung aus der salzigen Würze des Schinkens und der süß-sauren Frische der Ananas fand unerwartet Anklang. Der Name „Hawaii“ stammte vermutlich von der Marke der Ananasdosen, die er verwendete, oder von der Assoziation der Inselgruppe mit dem Anbaugebiet der exotischen Frucht. Diese damals revolutionäre Kombination sollte sich weltweit durchsetzen und die Pizza Hawaii zu einem globalen Phänomen machen. Ironischerweise fand Panopoulos nie einen Weg, sich sein Meisterwerk patentieren zu lassen, was ihn um potenziellen Reichtum brachte, aber die Legende seiner Erfindung nur noch verstärkte.

Warum die Ananas auf Pizza so polarisiert: Eine Geschmackssache

Die Diskussion um die Ananas auf Pizza ist tiefgreifend und oft emotional. Sie berührt fundamentale Fragen des Geschmacks und der kulinarischen Tradition. Für die Befürworter liegt der Reiz der Pizza Hawaii in der perfekten Balance: Die Süße und Säure der Ananas durchbrechen die Fettigkeit des Käses und die Salzigkeit des Schinkens. Sie sorgen für eine erfrischende Note und eine interessante Textur, die vielen anderen Pizzen fehlt. Die Fruchtigkeit der Ananas bietet einen Kontrast, der das Geschmackserlebnis komplexer und spannender macht.

Auf der anderen Seite stehen die Kritiker, die die Ananas auf Pizza als Sakrileg betrachten. Für sie gehört Obst, insbesondere süßes Obst, einfach nicht auf eine herzhafte Pizza. Sie empfinden die Süße als störend und die Textur der weichen, oft wässrigen Ananas als unpassend zum knusprigen Teig und schmelzenden Käse. Viele traditionelle italienische Pizzaiolos lehnen die Ananas strikt ab und sehen in ihr eine Verfälschung der ursprünglichen Pizzatradition. Diese Ablehnung ist oft tief in einem Verständnis verankert, das die Pizza als ein Gericht mit klaren, harmonischen Geschmacksprofilen sieht, die nicht durch „exotische“ oder süße Elemente gestört werden sollten.

Wer hat die Pizza Margherita erfunden?
Der Legende nach wurde die Pizza Margherita 1889 von Raffaele Esposito, dem Chefkoch der Pizzeria Brandi, erfunden. Woher kommen die Italiener?

Der globale Siegeszug und prominente Verteidiger

Trotz der ständigen Kontroverse hat die Pizza Hawaii eine erstaunliche globale Akzeptanz gefunden. Sie ist nicht nur in Kanada und den USA beliebt, sondern auch in weit entfernten Ländern. Ein bemerkenswertes Beispiel ist Australien, wo die Pizza Hawaii laut einer Umfrage aus dem Jahr 1999 mit einem Marktanteil von 15 Prozent aller verkauften Pizzen die beliebteste Sorte war. Dies zeigt, dass die einzigartige Kombination von Ananas und Schinken einen Nerv getroffen hat, der über kulturelle Grenzen hinweg Resonanz findet.

Die Popularität der Pizza Hawaii ist so groß, dass sie sogar in die politische Debatte Einzug gehalten hat. Im Jahr 2017 sorgte der isländische Präsident Guðni Jóhannesson für internationales Aufsehen, als er vor Schulkindern bemerkte, er würde Ananas auf Pizza am liebsten verbieten. Diese Äußerung löste eine Welle der Empörung und Belustigung aus und brachte sogar Kanadas Premierminister Justin Trudeau auf den Plan. In einem Tweet mit dem Hashtag #teampineapple verteidigte Trudeau die kanadische Erfindung mit den Worten: „Ich habe eine Ananas. Ich habe eine Pizza. Und ich stehe hinter der köstlichen Kreation aus dem Südwesten Ontarios.“ Jóhannesson musste sich daraufhin verteidigen: „Ich mag Ananas, nur nicht auf der Pizza. Ich habe nicht die Macht, Gesetze zu erlassen, die es Menschen verbieten, Ananas auf ihre Pizza zu tun. Ich bin froh, dass ich nicht über eine solche Macht verfüge.“ Diese Episode unterstreicht den Kult-Status der Pizza Hawaii und wie tief sie im kollektiven Bewusstsein verankert ist.

Pizza Hawaii vs. Toast Hawaii: Eine deutsche Verbindung

Interessanterweise gibt es in Deutschland ein kulinarisches Gegenstück zur Pizza Hawaii, das eine ähnliche Philosophie der süß-herzhaften Kombination verfolgt: den Toast Hawaii. Dieser wurde bereits in den 1950er-Jahren vom bekannten Fernsehkoch Clemens Wilmenrod kreiert. Der Toast Hawaii besteht aus Toastbrot, Schinken, Ananas und Käse, oft mit einer Kirsche garniert. Die Parallelen zur Pizza Hawaii sind unverkennbar: Beide Gerichte setzen auf die ungewöhnliche, aber für viele reizvolle Kombination von Schinken und Ananas unter einer Schicht geschmolzenen Käses.

Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall, sondern spiegelt einen kulinarischen Trend der Nachkriegszeit wider, in der exotische Zutaten wie Ananas als Zeichen von Modernität und Weltoffenheit galten. Der Toast Hawaii war in Deutschland ein Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung und den Wunsch nach neuen Geschmackserlebnissen. So wie die Pizza Hawaii in Kanada eine neue Ära der Pizza einläutete, etablierte der Toast Hawaii in Deutschland eine neue Art des Abendessens, die bis heute beliebt ist und die gemeinsame Vorliebe für die süß-salzige Harmonie unterstreicht.

Die kulinarische Relevanz der Pizza Hawaii und ihre Entwicklung

Abseits der hitzigen Debatten hat die Pizza Hawaii eine wichtige Rolle in der Entwicklung der modernen Pizzakultur gespielt. Sie hat gezeigt, dass Pizza nicht nur an starre Traditionen gebunden sein muss, sondern ein flexibles Gericht ist, das Raum für Innovation und globale Anpassung bietet. Durch ihren Erfolg hat sie den Weg für unzählige andere unkonventionelle Pizzabeläge geebnet, die heute als selbstverständlich gelten.

Interessanterweise hat sich auch in der traditionell sehr konservativen italienischen Pizzaszene eine Veränderung abgezeichnet. Während viele klassische Pizzaioli die Ananas auf Pizza weiterhin strikt ablehnen, haben einige moderne und preisgekrönte Pizzabäcker, wie der berühmte Franco Pepe, diese ungewöhnliche Kombination erfolgreich in ihre Speisekarten aufgenommen. Dies zeigt, dass selbst in der Hochburg der Pizza eine gewisse Offenheit für neue Interpretationen wächst, und die Pizza Hawaii als Inspiration für kreative kulinarische Experimente dient. Sie ist ein Beweis dafür, dass Geschmack subjektiv ist und Innovation oft aus dem Brechen von Regeln entsteht.

Vergleichstabelle: Pizza Hawaii im Überblick

Um die unterschiedlichen Perspektiven auf die Pizza Hawaii besser zu verstehen, hilft ein direkter Vergleich der Argumente und Merkmale:

MerkmalPro Pizza HawaiiContra Pizza Hawaii
GeschmacksprofilSüß-sauer-salzig, erfrischend, ausgewogenSüße stört salzige Aromen, unpassende Fruchtigkeit
TexturSaftig, weich, ergänzt den knusprigen TeigMatschig, wässrig, weicht den Teig auf
InnovationMutige, kreative Kombination, bahnbrechendBruch mit Tradition, respektlos gegenüber der Pizza
HerkunftKanadische Erfindung, globale BeliebtheitNicht italienisch, keine authentische Pizza
Kultureller EinflussKult-Status, Popkultur-ReferenzSymbol für schlechten Geschmack, kulinarischer "Frevel"

Häufig gestellte Fragen zur Pizza Hawaii

Wer hat die Pizza Hawaii erfunden?
Die Pizza Hawaii wurde 1962 vom griechisch-kanadischen Gastronomen Sam Panopoulos in Chatham, Ontario, Kanada, erfunden.
Warum ist die Pizza Hawaii so umstritten?
Die Kontroverse rührt von der Verwendung von Ananas her, einer süßen und sauren Frucht, die viele als unvereinbar mit den herzhaften Aromen einer traditionellen Pizza empfinden. Es ist eine Frage des Geschmacks und der kulinarischen Tradition.
Ist Pizza Hawaii in Italien beliebt?
Traditionelle Pizzabäcker in Italien lehnen die Pizza Hawaii größtenteils ab. Es gibt jedoch einige moderne, preisgekrönte Pizzaiolos, wie Franco Pepe, die diese Kombination in ihren Menüs anbieten und damit die Akzeptanz langsam erhöhen.
Woher kommt der Name "Hawaii"?
Der Name stammt entweder von der Marke der Ananasdosen, die Sam Panopoulos verwendete, oder von der Assoziation der Inselgruppe Hawaii als bekanntes Anbaugebiet für Ananas.
Gibt es ähnliche Gerichte wie die Pizza Hawaii?
Ja, ein bekanntes Beispiel ist der Toast Hawaii, der in den 1950er-Jahren in Deutschland erfunden wurde und ebenfalls Schinken, Ananas und Käse kombiniert.
Ist Pizza Hawaii wirklich die beliebteste Pizza in manchen Ländern?
Ja, zum Beispiel war sie laut einer Umfrage von 1999 die beliebteste Pizza in Australien mit einem Marktanteil von 15 Prozent.

Die Pizza Hawaii bleibt ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein einfaches Gericht eine weltweite Debatte auslösen kann. Sie ist ein Symbol für kulinarische Freiheit und die Bereitschaft, Konventionen zu brechen. Ob man sie nun liebt oder hasst, ihre Geschichte ist untrennbar mit der Entwicklung der globalen Esskultur verbunden. Sie hat sich ihren Platz als fester Bestandteil der Pizzalandschaft erobert und wird zweifellos auch in Zukunft für angeregte Diskussionen sorgen. Die Ananas auf Pizza – eine kleine Frucht mit einer großen Wirkung, die weiterhin die Gemüter erhitzt und die Geschmacksknospen herausfordert.

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