04/01/2019
„Vittoria!‟ – Mit diesem Ausruf wurde am 7. Dezember 2017 ein historischer Moment für alle Pizzaliebhaber weltweit besiegelt. Die „Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers‟ wurde von der internationalen Kulturorganisation UNESCO offiziell in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Ein Sieg, der nicht nur die Herzen der Neapolitaner höherschlagen ließ, sondern auch die jahrhundertealte Tradition und Leidenschaft für die einzig wahre Pizza würdigte. Millionen von Menschen hatten diesen Antrag Italiens per Petition unterstützt und somit ein klares Zeichen für die globale Bedeutung dieses Fastfood-Klassikers gesetzt, der in Neapel seinen Ursprung hat.

Vergessen Sie alles, was Sie bisher über Pizza zu wissen glaubten, denn die neapolitanische Pizza ist eine Wissenschaft, eine Philosophie und ein tief verwurzeltes Kulturgut zugleich. Sie ist nicht nur ein Gericht, sondern ein Erlebnis, das alle Sinne anspricht und eine Geschichte von Handwerkskunst, regionalen Produkten und unerschütterlichem Stolz erzählt.
Die Einzigartigkeit der neapolitanischen Pizza: Mehr als nur Teig und Belag
Was macht die neapolitanische Pizza so besonders, dass sie sich von allen anderen Varianten abhebt und weltweit als Maßstab für authentische Pizza gilt? Es ist die perfekte Symbiose aus wenigen, aber exquisiten Zutaten und einer meisterhaften Zubereitung, die über Generationen perfektioniert wurde. Die Neapolitaner bezeichnen ihre Pizza nicht umsonst als „la vera pizza napoletana‟ – die einzig wahre Pizza Neapels.
Im Gegensatz zu vielen anderen Pizzastilen, wie beispielsweise der römischen Pizza, die für ihren dünnen und knusprigen Teig bekannt ist, zeichnet sich die neapolitanische Pizza durch einen dicken, saftigen und unglaublich weichen Teig aus. Dieser Teig, der am Rand oft luftige Blasen bildet und leicht verkohlt ist, bildet die perfekte Grundlage für den minimalistischen, aber geschmacksintensiven Belag. Es ist diese Kombination, die ein unvergessliches Mundgefühl erzeugt: außen leicht knusprig, innen zart und luftig.
Die Qualität der Zutaten ist dabei von größter Bedeutung. Ein fruchtiger Tomatensugo, hergestellt aus sonnengereiften San-Marzano-Tomaten, cremiger Mozzarella – idealerweise Büffelmozzarella aus Kampanien –, frischer Basilikum, ein Hauch von Parmesan und hochwertiges Olivenöl sind die Stars. Sie werden sparsam, aber präzise eingesetzt, um die natürlichen Aromen voll zur Geltung zu bringen und eine Harmonie zu schaffen, die ihresgleichen sucht.
Was macht die „Vera Pizza Napoletana‟ aus? – Zutaten und Merkmale
Die „Vera Pizza Napoletana‟ ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis strenger Richtlinien und einer tiefen Wertschätzung für die Rohstoffe. Jeder Pizzaiolo, der diesen Titel für sich beanspruchen möchte, muss bestimmte Regeln befolgen, die von der Associazione Verace Pizza Napoletana (AVPN) festgelegt wurden. Diese Regeln betreffen nicht nur die Auswahl der Zutaten, sondern auch den gesamten Herstellungsprozess.
- Der Teig: Er besteht lediglich aus Weichweizenmehl (Typ 00 oder 0), Wasser, Salz und frischer Bierhefe. Der Teig wird nur von Hand oder mit einem Mixer mit geringer Geschwindigkeit geknetet, um seine Elastizität zu bewahren. Eine lange Gehzeit von mindestens 8 Stunden bei Raumtemperatur ist entscheidend für die Entwicklung des Aromas und der leichten Verdaulichkeit.
- Die Tomaten: Ausschließlich geschälte San-Marzano-Tomaten des Agro Sarnese-Nocerino oder „Pomodorino del Piennolo del Vesuvio‟ sind erlaubt. Sie werden nur leicht gewürzt – mit Knoblauch, Oregano und Salz – und nicht gekocht, um ihre Frische zu bewahren.
- Der Käse: „Mozzarella di Bufala Campana DOP‟ (geschützter Ursprung) oder „Mozzarella STG‟ (garantiert traditionelle Spezialität) sind die einzigen akzeptierten Käsesorten. Ihre Cremigkeit schmilzt perfekt auf dem heißen Teig.
- Basilikum und Öl: Frischer Basilikum wird erst nach dem Backen hinzugefügt, um sein Aroma zu bewahren. Natives Olivenöl Extra von höchster Qualität rundet den Geschmack ab.
- Der Ofen: Eine echte neapolitanische Pizza wird in einem Holzofen bei extrem hohen Temperaturen (ca. 485°C) gebacken. Dies ermöglicht eine sehr kurze Backzeit von nur 60 bis 90 Sekunden, wodurch der Teig außen knusprig und innen weich bleibt und der Rand, der „cornicione‟, schön aufgeht und leicht gebräunt wird.
Der Weg zum UNESCO-Welterbe: Ein Triumph der Tradition
Die Anerkennung der neapolitanischen Pizza als UNESCO-Kulturerbe war das Ergebnis einer langen und leidenschaftlichen Kampagne. Es ging dabei nicht nur um das Gericht selbst, sondern um die gesamte „Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers‟ (L'arte del pizzaiuolo napoletano). Diese Kunst umfasst nicht nur die Zubereitung des Teiges und das Belegen der Pizza, sondern auch das geschickte Hantieren mit dem Teig, das Backen im Holzofen und die Weitergabe dieses Wissens von Generation zu Generation.
Der italienische Minister für Landwirtschaft und Ernährung, Maurizio Martina, twitterte stolz „Vittoria!‟, als die Entscheidung bekannt gegeben wurde. Die Unterstützung von zwei Millionen Menschen per Petition unterstrich die globale Bedeutung und Wertschätzung dieses Handwerks. Diese Anerkennung ist ein Schutzschild für die traditionelle Herstellung und ein Versprechen, dass die authentische neapolitanische Pizza auch in Zukunft nach den alten Regeln bewahrt und gelebt wird. Es ist eine Hommage an die Pizzaioli, die mit ihrer Hingabe und ihrem Können diese kulinarische Tradition am Leben erhalten.
Neapel vs. Rom: Ein kulinarischer Vergleich
Obwohl beide Städte in Italien liegen und für ihre Pizzen bekannt sind, unterscheiden sich die neapolitanische und die römische Pizza grundlegend. Diese Unterschiede sind nicht nur Geschmacksache, sondern spiegeln auch die regionalen kulinarischen Traditionen wider. Hier ein kurzer Überblick:
| Merkmal | Neapolitanische Pizza | Römische Pizza |
|---|---|---|
| Teig | Dick, saftig, elastisch, weich in der Mitte, hoher, luftiger Rand (cornicione) | Dünn, knusprig, flach, oft mit einem fast nicht existenten Rand |
| Textur | Weich, faltbar, leicht feucht | Knusprig, fest, bricht leicht |
| Backmethode | Holzofen, sehr hohe Temperatur (ca. 485°C), sehr kurze Backzeit (60-90 Sekunden) | Holzofen oder Elektroofen, oft bei etwas niedrigeren Temperaturen, längere Backzeit |
| Belag | Minimalistisch, wenige, hochwertige Zutaten (Tomate, Mozzarella, Basilikum, Öl, ggf. Parmesan) | Vielfältiger, oft reichhaltiger und kreativer mit mehr Zutaten |
| Form | Rund, aber oft unregelmäßig geformt, da von Hand gezogen | Perfekt rund |
| Charakter | Rustikal, traditionell, Fokus auf Teig und Einfachheit | Urban, modern, Fokus auf Knusprigkeit und Belagsvielfalt |
Während die neapolitanische Pizza oft zusammengefaltet und mit der Hand gegessen wird, um ihre Weichheit und Saftigkeit zu genießen, wird die römische Pizza aufgrund ihrer Festigkeit meist mit Messer und Gabel verzehrt. Beide Stile haben ihre Berechtigung und ihre Liebhaber, doch die neapolitanische Pizza hat durch ihre UNESCO-Anerkennung einen besonderen, unantastbaren Status erhalten.
Die Kunst des Pizzaiolo: Eine detaillierte Anleitung für zu Hause
Auch wenn das Backen in einem authentischen Holzofen für die meisten von uns zu Hause unmöglich ist, kann man sich der „Vera Pizza Napoletana‟ annähern. Der Schlüssel liegt im Teig und in der Qualität der Zutaten. Hier ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung basierend auf den Prinzipien der neapolitanischen Kunst:
- Vorbereitung des Teigs:
Verrühren Sie zunächst Salz und Mehl in einer großen Schüssel. Lösen Sie die frische Hefe in lauwarmem Wasser auf und geben Sie diese Mischung langsam zum Mehl. Beginnen Sie, den Teig zu kneten. Fügen Sie bei Bedarf tröpfchenweise mehr Mehl hinzu, falls der Teig zu feucht ist. Ziel ist ein geschmeidiger, nicht klebriger Teig. - Das Kneten und Falten:
Dies ist der entscheidende Schritt. Kneten Sie den Teig auf einer leicht bemehlten Arbeitsfläche intensiv. Ziehen und falten Sie den Teig immer wieder – ziehen, falten, drehen, wiederholen. Dieser Prozess, der etwa 15-20 Minuten dauern sollte, entwickelt das Gluten und macht den Teig elastisch und geschmeidig. - Die erste Ruhephase:
Wälzen Sie den fertigen Teig leicht in Mehl und legen Sie ihn in eine große, leicht geölte Schüssel. Decken Sie die Schüssel mit einem feuchten Tuch ab und lassen Sie den Teig an einem warmen Ort für etwa 30 bis 120 Minuten (oder länger, je nach Hefe und Temperatur) gehen, bis er sein Volumen verdoppelt hat. - Teilen und Formen:
Teilen Sie den aufgegangenen Teig in vier gleich große Teile. Rollen Sie jeden Teil vorsichtig zu einer Kugel. Achten Sie darauf, so wenig Luft wie möglich aus dem Teig zu drücken. Diese Kugeln sollten dann erneut unter einem feuchten Tuch ruhen, idealerweise für weitere 1-2 Stunden, damit sie sich entspannen und leichter formen lassen. - Vorbereitung des Belags:
Nehmen Sie Tomaten aus der Dose (San-Marzano-Qualität, wenn möglich) oder Passata und würzen Sie sie mit einer zerdrückten Knoblauchzehe, etwas Oregano und einer Prise Salz. Lassen Sie die Soße kurz stehen, damit sich die Aromen verbinden. - Pizza formen und belegen:
Nehmen Sie eine Teigkugel und drücken Sie sie von der Mitte nach außen vorsichtig flach, wobei Sie den Rand intakt lassen, um den „cornicione‟ zu formen. Ziehen Sie den Teig, bis er die gewünschte Größe und Dicke hat. Verteilen Sie die vorbereitete Tomatensoße auf dem Teig, lassen Sie dabei den Rand frei. Fügen Sie dann geriebenen Parmesan, Stücke von Mozzarella und frischen Basilikum hinzu. Beträufeln Sie alles mit etwas Olivenöl. - Backen:
Heizen Sie Ihren Ofen auf die höchstmögliche Temperatur vor (mindestens 220°C, idealerweise mit einem Pizzastein oder Stahlblech). Backen Sie die Pizza für etwa 8-12 Minuten, oder bis der Rand goldbraun und leicht verkohlt ist und der Käse geschmolzen und leicht gebräunt ist. Die genaue Backzeit hängt stark von Ihrem Ofen ab.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur neapolitanischen Pizza
Hier beantworten wir einige der häufigsten Fragen, die sich Pizzaliebhaber stellen:
Wie heißt die Pizza in Neapel?
Die Neapolitaner selbst bezeichnen ihre authentische Pizza oft als „la vera pizza napoletana‟ (die wahre neapolitanische Pizza). Die bekanntesten und traditionellsten Varianten sind die Pizza Margherita (mit Tomate, Mozzarella, Basilikum – in den Farben der italienischen Flagge) und die Pizza Marinara (mit Tomate, Knoblauch, Oregano und Olivenöl).
Was ist das Besondere an neapolitanischer Pizza?
Das Besondere liegt in ihrem dicken, weichen und luftigen Teigrand (dem „cornicione‟), der kurzen Backzeit bei extrem hoher Temperatur und der Verwendung von wenigen, aber hochwertigen und frischen Zutaten. Die perfekte Symbiose dieser Elemente schafft ein einzigartiges Geschmackserlebnis.
Warum wurde die neapolitanische Pizza zum UNESCO-Kulturerbe erklärt?
Die „Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers‟ wurde 2017 als immaterielles Kulturerbe anerkannt, weil sie eine traditionelle Handwerkskunst und ein kulturelles Erbe darstellt, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Es geht um die Fertigkeiten, Rituale und sozialen Praktiken, die mit der Herstellung dieser Pizza verbunden sind und eine wichtige Rolle im sozialen und kulturellen Leben Neapels spielen.
Kann ich eine authentische neapolitanische Pizza zu Hause zubereiten?
Ja, Sie können eine sehr gute Annäherung an die neapolitanische Pizza zu Hause zubereiten. Der Schlüssel liegt in der Qualität der Zutaten, einer langen Teigruhe und dem Backen bei der höchstmöglichen Temperatur in Ihrem Ofen, idealerweise mit einem Pizzastein oder Stahl, der die Hitze speichert und abgibt wie ein Holzofen.
Wie isst man neapolitanische Pizza richtig?
Enzo Coccia, eine anerkannte Pizzalegende aus Neapel, ist dafür bekannt, die Kunst des richtigen Pizzaessens zu lehren. Obwohl die genaue Methode hier nicht im Detail beschrieben wird, ist es üblich, eine neapolitanische Pizza zusammenzufalten („a portafoglio‟ – wie ein Portemonnaie), um sie besser halten und die weiche Konsistenz genießen zu können. Es geht darum, die Integrität des Teigs und des Belags zu respektieren.
Welche Rolle spielt der Ofen beim Backen der neapolitanischen Pizza?
Der Ofen ist von entscheidender Bedeutung. Ein traditioneller Holzofen erreicht Temperaturen von bis zu 500°C. Diese extreme Hitze ermöglicht es, die Pizza in nur 60-90 Sekunden zu backen. Dadurch wird der Teig außen knusprig und bekommt den charakteristischen „Leopardenmuster‟-Rand, während er innen weich und luftig bleibt. Ein normaler Haushaltsbackofen kann diese Temperaturen nicht erreichen, aber ein Pizzastein oder Pizzastahl kann helfen, die Hitzeübertragung zu maximieren.
Gibt es verschiedene Arten von neapolitanischer Pizza?
Traditionell gibt es zwei Hauptarten der neapolitanischen Pizza: die Pizza Margherita und die Pizza Marinara. Die Margherita ist die bekannteste und wird mit Tomaten, Mozzarella, Basilikum und Olivenöl zubereitet. Die Marinara ist die älteste Form und enthält Tomaten, Knoblauch, Oregano und Olivenöl – ohne Käse. Beide sind ein Beweis für die Schönheit der Einfachheit.
Die neapolitanische Pizza ist weit mehr als nur ein schnelles Gericht. Sie ist ein Stück Geschichte, eine bewahrte Tradition und ein kulinarisches Meisterwerk, das die Herzen von Menschen auf der ganzen Welt erobert hat. Ihre UNESCO-Anerkennung ist ein Zeugnis ihrer globalen Bedeutung und eine Einladung, die „einzig wahre Pizza‟ in ihrer authentischsten Form zu entdecken und zu genießen.
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