Wie kann man Gicht verhindern?

Gicht & Ernährung: Was wirklich hilft

10/12/2012

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Gicht ist eine schmerzhafte Stoffwechselerkrankung, die durch einen erhöhten Harnsäurespiegel im Blut verursacht wird. Wenn die Nieren nicht in der Lage sind, die anfallende Harnsäure schnell genug auszuscheiden, kann diese über Jahre hinweg in Form von Kristallen abgelagert werden. Diese Ablagerungen führen schließlich zu entzündlichen Reaktionen, die sich in akuten Gichtanfällen äußern. Eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Bewältigung von Gicht spielt die Ernährung. Doch was genau ist wichtig, und welche Mythen halten sich hartnäckig?

Um die Rolle der Ernährung bei Gicht zu verstehen, ist es unerlässlich, die sogenannten Purine zu kennen. Purine sind natürliche Bestandteile unserer Erbsubstanz, die in jeder Zelle vorkommen. Sie werden im Körper abgebaut, und als „Abfallprodukt“ dieses Prozesses entsteht Harnsäure. Es ist wichtig zu wissen, dass der Großteil der Purine, etwa 60 Prozent, aus unseren körpereigenen Zellen stammt. Der restliche Anteil wird über die Nahrung aufgenommen. Purine sind vor allem in proteinreichen Lebensmitteln enthalten. Doch Achtung: Nicht alle eiweißreichen Lebensmittel haben auch einen hohen Puringehalt. Wenn das Eiweiß beispielsweise nicht an Zellen gebunden ist, wie es bei Milch oder Eiern der Fall ist, sind diese Lebensmittel zwar proteinreich, enthalten aber gleichzeitig wenig bis gar kein Purin. Dies ist ein entscheidender Unterschied, der oft missverstanden wird.

Was sind Purine und wie entstehen sie?
Der größte Teil dieser Purine stammt aus körpereigenen Zellen (etwa 60 Prozent), der Rest stammt aus der Nahrung. Purine stecken in proteinreichen (eiweißreichen) Lebensmitteln. Hierzu zählen insbesondere Fleisch, Fisch und Innereien. Was allerdings nicht bedeutet, dass alle eiweißreichen Lebensmittel auch einen hohen Gehalt an Purinen aufweisen.

Lange Zeit wurde bei der Behandlung von Gicht neben medikamentösen Therapien stark auf eine sogenannte Gicht-Diät gesetzt. Die Idee dahinter war logisch: Wenn man die Zufuhr von Purinen über die Nahrung reduziert, sinkt die Menge an Harnsäure, die der Körper abbauen muss. Ärzte und Ernährungsberater empfahlen oft, die Menge der aufgenommenen Purine oder Harnsäure mithilfe von Purintabellen genau zu zählen. Man unterschied dabei zwischen einer „normalen“ Gicht-Diät mit maximal 166 mg Purin (bzw. 400 mg Harnsäure) pro Tag und einer „strengen“ Gicht-Diät mit maximal 100 mg Purin (bzw. 240 mg Harnsäure) pro Tag. Patienten mussten ihre Lebensmittel entsprechend auswählen, um unter diesen täglichen oder wöchentlichen Grenzwerten zu bleiben.

Doch diese klassische Gicht-Diät wird heute als weitgehend überholt angesehen. Warum? Zunächst ist sie extrem schwer einzuhalten. Das akribische Zählen mithilfe von Purintabellen ist mühsam und erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Auch wenn die Motivation anfangs hoch ist, halten die wenigsten Patienten diese strenge Diät auf Dauer durch. Ein weiterer Nachteil ist, dass viele gesunde Lebensmittel unnötigerweise eingeschränkt wurden, nur weil sie einen gewissen Puringehalt aufwiesen. Gleichzeitig wurden andere Lebensmittel, die bei Gicht hilfreich oder schädlich sein können, nicht ausreichend berücksichtigt. Der größte Kritikpunkt ist jedoch der begrenzte Nutzen: Üblicherweise ließ sich der Harnsäurewert mit dieser Diät nur um etwa 1 mg/dl senken, was in den meisten Fällen einfach nicht ausreichend ist, um einen Gichtanfall effektiv zu verhindern oder den Harnsäurespiegel langfristig zu normalisieren. Glücklicherweise haben Studien in den letzten Jahren gezeigt, dass sich ein vergleichbarer oder sogar besserer harnsäuresenkender Effekt auch mit einer leicht angepassten, modernen Ernährung erreichen lässt, die wesentlich einfacher umzusetzen ist.

Moderne Ernährung bei Gicht: Keine Purintabellen nötig

Die gute Nachricht für Gichtpatienten ist: Die moderne Ernährung bei Gicht erfordert weder komplizierte Purintabellen noch spezielle Kochbücher. Es genügt, einige grundlegende Prinzipien zu verstehen und den Konsum bestimmter Lebensmittelgruppen anzupassen. Die Grundlage für diese vereinfachte, aber effektive Sichtweise bildet eine wegweisende Studie mit 47.000 Männern. Diese Untersuchung lieferte klare Ergebnisse bezüglich des Gichtrisikos in Abhängigkeit von der Ernährung:

  • Das Gichtrisiko steigt signifikant mit der aufgenommenen Menge an Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten.
  • Das Gichtrisiko sinkt hingegen mit der aufgenommenen Menge an Milchprodukten.
  • Interessanterweise wird das Gichtrisiko nicht durch die aufgenommene Menge an purinreichen pflanzlichen Produkten oder anderen eiweißreichen Lebensmitteln beeinflusst, solange diese nicht tierischen Ursprungs sind und somit keine Zellstrukturen von Tieren mit hohen Purinwerten enthalten.

Durch die Befolgung weniger, einfacher Regeln lässt sich der Harnsäurewert bei Gichtpatienten oft besser und gesünder senken, als es mit einer klassischen, restriktiven Gicht-Diät je möglich war. Dies erleichtert den Alltag erheblich und fördert eine nachhaltige Umstellung der Essgewohnheiten.

Einfache Regeln für die Ernährung bei Gicht

Basierend auf den neuesten Erkenntnissen lassen sich die Ernährungsempfehlungen für Gichtpatienten in drei klare Kategorien einteilen:

Komplett vermeiden: Die extremen Purinbomben

Diese Lebensmittel sollten Sie, wenn möglich, vollständig von Ihrem Speiseplan streichen, da sie einen extrem hohen Puringehalt aufweisen und somit das Risiko eines Gichtanfalls erheblich erhöhen:

  • Fette Fische: Insbesondere typische Räucherfische wie Anchovis, Hering, Sprotten, Sardellen und Ölsardinen sind zu meiden. Auch die beliebte Forelle gehört zu dieser Kategorie.
  • Geflügelhaut: Während Geflügel im Prinzip in Maßen in Ordnung ist, sollten Sie die äußerst purinreiche Geflügelhaut lieber nicht essen.
  • Innereien: Praktisch alle Innereien wie Leber, Kalbsbries, Milz, Lunge und Nieren haben einen sehr hohen Puringehalt und müssen dringend gemieden werden. Sie sind wahre Harnsäure-Booster.

Konsum einschränken: Lebensmittel mit hohem Puringehalt

Diese Lebensmittel enthalten zwar viel Purin, müssen aber nicht komplett vom Speiseplan verschwinden. Ein moderater Konsum ist hier der Schlüssel:

  • Rotes Fleisch: Rind, Schwein, Lamm und Wild sollten nur in Maßen gegessen werden. Vermeiden Sie hierbei große Portionen und übermäßigen Verzehr.
  • Fisch und Meeresfrüchte: Die bereits genannten fetten Fische sind zu meiden. Ansonsten ist Fisch generell gesund, und bei moderatem Konsum überwiegen die Vorteile des Fischverzehrs (z.B. Omega-3-Fettsäuren) den hohen Puringehalt. Meeresfrüchte wie Garnelen, Krabben oder Muscheln enthalten ebenfalls viel Purin und sollten nur gelegentlich und in kleinen Mengen genossen werden.
  • Alkoholische Getränke: Alkohol verringert die Ausscheidung von Harnsäure über die Nieren, treibt das Körpergewicht in die Höhe und enthält teilweise selbst viel Purin (insbesondere Bier). Er sollte daher nur gelegentlich und in sehr geringen Maßen konsumiert werden.
  • Fructosegesüßte Softdrinks: Diese Getränke treiben den Harnsäurewert nach oben, unabhängig von ihrem Puringehalt. Sie sollten nicht regelmäßig getrunken werden.
  • Süßwaren und süße Backwaren: Unabhängig von den enthaltenen Purinen sollten Sie mit Süßigkeiten und süßen Backwaren sparsam umgehen, da sie oft zu Übergewicht beitragen, was wiederum den Harnsäurewert negativ beeinflusst.

Bei Gicht erlaubt: Bedenkenlos genießen

Diese Lebensmittel können Sie bei Gicht problemlos essen. Sie sind entweder purinarm oder haben, selbst bei höherem Puringehalt, keinen negativen Einfluss auf den Harnsäurewert:

  • Gemüse: Studien haben gezeigt, dass auch Gemüse mit höherem Puringehalt, wie beispielsweise Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen), Spargel und Spinat, keine negative Wirkung auf den Harnsäurewert hat. Sie sind reich an wichtigen Nährstoffen und Ballaststoffen und sollten fester Bestandteil Ihrer Ernährung sein.
  • Eier: Eier enthalten hochwertiges Eiweiß und haben einen hohen Nährwert. Da sie kein Purin enthalten, sind sie, in Maßen genossen, eine ausgezeichnete Wahl für Gichtpatienten.

Bevorzugt essen / trinken: Unterstützer der Harnsäureausscheidung

Diese Lebensmittel und Getränke enthalten wenig oder keine Purine und fördern zudem die Ausscheidung von Harnsäure. Sie sollten daher bevorzugt konsumiert werden:

  • Reichlich Flüssigkeit: Trinken Sie mindestens zwei Liter pro Tag an alkoholfreien Getränken. Vorzugsweise Wasser, Früchte- oder Kräutertees. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr unterstützt die Nieren bei der Ausscheidung von Harnsäure und hilft, die Bildung von Kristallen zu verhindern.
  • Fettarme Milch und Milchprodukte: Diese Produkte enthalten in der Regel kein oder nur sehr wenig Purin. Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass der Konsum von fettarmer Milch und Milchprodukten den Harnsäurewert sogar senken kann. Sie sind eine hervorragende Proteinquelle und sollten regelmäßig auf dem Speiseplan stehen.
  • Kaffee: Obwohl Kaffee geringe Mengen Purine enthält, ist er heute uneingeschränkt erlaubt. Neuere Studien belegen sogar, dass Kaffee den Harnsäurewert leicht senken kann. Genießen Sie Ihren Kaffee also ohne Sorge.

Priorität 1: Körpergewicht normalisieren

Neben der angepassten Ernährung ist ein weiteres, entscheidendes Ziel bei der Gichtbehandlung die langsame und nachhaltige Reduzierung von eventuell vorhandenem Übergewicht. Es ist allgemein bekannt, dass Übergewicht eine Vielzahl negativer Auswirkungen auf den gesamten Organismus hat. Bei Gicht kommt jedoch hinzu, dass Übergewicht den Harnsäurewert direkt erhöht. Daher ist die Gewichtsreduktion neben der Einnahme von Medikamenten zur Senkung des Harnsäurewerts oft die wichtigste Maßnahme zur Behandlung der Gicht. Für einen erheblichen Teil der Gichtpatienten ist eine Gewichtsreduktion sogar der aussichtsreichste Weg, um einen normalen Harnsäurewert zu erreichen und im Idealfall später ganz ohne Medikamente auskommen zu können.

Es gibt viele gute Gründe, das Thema Gewichtsreduktion ernst zu nehmen, selbst wenn der Harnsäurewert dadurch nicht sofort in den grünen Bereich kommt. Gerade bei Adipositas (Fettleibigkeit) sollten Sie dieses Thema aktiv angehen. Suchen Sie sich professionelle Hilfe, nehmen Sie sich Zeit und nehmen Sie langsam und stetig ab. Eine rasche Gewichtsabnahme, etwa durch Crash-Diäten, kann sogar einen Gichtanfall auslösen. Langfristiger Erfolg stellt sich nur mit einer nachhaltigen Umstellung der Lebensgewohnheiten ein. Es ist nicht leicht, aber es ist machbar, und die gesundheitlichen Vorteile – weit über die Gicht hinaus – sind immens. Der Autor kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass dieser Weg zwar herausfordernd, aber äußerst lohnenswert ist!

Grenzen der Ernährung bei Gicht

Die Diagnose Gicht überrascht die meisten Menschen, da man sich oft jung und abgesehen von der Gicht gesund fühlt. Die Vorstellung, lebenslänglich Tabletten schlucken zu müssen, ist für viele abschreckend, und die Motivation, eine Lösung ohne Medikamente zu finden, ist entsprechend hoch. Es ist jedoch wichtig, sich als Gichtpatient klarzumachen: Gicht ist, wie man heute weiß, kein reines Ernährungsthema. Die Veranlagung zu Gicht liegt in den Genen. Eine angepasste Ernährung kann zwar viel Gutes für den Körper tun und den Harnsäurewert erheblich reduzieren, aber es ist nicht garantiert, dass der Harnsäurewert allein dadurch in den Normalbereich zurückkehrt. Daher ist für die meisten Menschen eine Kombination aus Gewichtsnormalisierung, einer dauerhaft angepassten Ernährung und so vielen Medikamenten wie nötig der beste und sicherste Weg, um Gichtanfälle zu verhindern und die Lebensqualität langfristig zu sichern. Eine enge Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt ist hierbei unerlässlich.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Purine nur in tierischen Produkten enthalten?

Nein, Purine sind Bestandteile der Erbsubstanz und somit in allen Zellen enthalten, sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen. Allerdings ist der Puringehalt in einigen tierischen Produkten, insbesondere in Innereien, fettem Fisch und rotem Fleisch, deutlich höher als in den meisten pflanzlichen Lebensmitteln. Wichtig ist, dass pflanzliche Purine, wie Studien zeigen, keinen oder nur einen geringen Einfluss auf den Harnsäurespiegel haben.

Muss ich bei Gicht Purintabellen verwenden?

Die moderne Ernährungsempfehlung bei Gicht rät davon ab, Purintabellen zu verwenden. Die klassische Gicht-Diät, die auf dem Zählen von Purinen basierte, gilt als überholt, da sie schwer einzuhalten ist und der Nutzen begrenzt war. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die Vermeidung sehr purinreicher Lebensmittel und die Bevorzugung von harnsäuresenkenden Lebensmitteln wie Milchprodukten und Wasser.

Kann ich mit der richtigen Ernährung Gicht heilen?

Gicht ist eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung, die nicht allein durch Ernährung geheilt werden kann. Eine angepasste Ernährung ist jedoch eine der wichtigsten Säulen in der Behandlung, um den Harnsäurewert zu senken, Gichtanfälle zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. In vielen Fällen ist eine Kombination aus Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion und medikamentöser Therapie notwendig.

Warum ist Gewichtsreduktion so wichtig bei Gicht?

Übergewicht, insbesondere Fettleibigkeit (Adipositas), erhöht den Harnsäurewert im Blut. Eine Reduzierung des Körpergewichts kann daher maßgeblich dazu beitragen, den Harnsäurespiegel zu normalisieren und das Risiko von Gichtanfällen zu senken. Für viele Patienten ist dies die effektivste Maßnahme neben Medikamenten.

Darf ich Kaffee trinken, wenn ich Gicht habe?

Ja, Kaffee ist bei Gicht uneingeschränkt erlaubt. Obwohl er geringe Mengen Purine enthält, haben Studien gezeigt, dass Kaffee den Harnsäurewert sogar leicht senken kann. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist dabei generell wichtig, und Kaffee kann einen Teil dazu beitragen.

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