Wie macht man einen Pizzateig?

Die wahre Kunst der Neapolitanischen Pizza

08/11/2015

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Die Vorstellung einer perfekten Pizza mag für viele unterschiedlich sein: außen knusprig, innen weich, reich belegt mit den unterschiedlichsten Zutaten. Doch in Neapel, der Wiege der Pizza, ist die Sache weit weniger flexibel. Hier regiert eine strenge Tradition, die von der Associazione Verace Pizza Napoletana, dem Verein zum Schutz der wahrhaftigen neapolitanischen Pizza, mit beispielloser Leidenschaft und Akribie bewahrt wird. Ihr zehnseitiges Regelwerk ist ein Manifest für Authentizität und lässt keinen Raum für kulinarische Kompromisse, die außerhalb der engen Definition der echten neapolitanischen Pizza liegen.

Welche Pizzen gibt es?
In ihrem zehnseitigen Dokument formulieren die Hüter der Zunft strenge Regeln: Echte Pizzen sind ausschließlich Marinara (Paradeiser, Öl, Oregano, Knoblauch) und Margherita (Paradeiser, Öl, Mozzarella oder Fior di latte, gratinierter Käse, Basilikum).

Die Hüter der Zunft sind unerbittlich: Eine „echte“ neapolitanische Pizza existiert nur in zwei Varianten – als Marinara und als Margherita. Die Marinara, eine Hommage an die Seefahrer, besteht lediglich aus Paradeisern, Öl, Oregano und Knoblauch. Die Margherita, benannt nach Königin Margherita von Savoyen, ist mit Paradeisern, Öl, Mozzarella oder Fior di latte, gratiniertem Käse und frischem Basilikum belegt, dessen Farben die italienische Flagge symbolisieren. Jede Abweichung, sei es ein burgenländischer Rohschinken, Vorarlberger Bergkäse oder gar Ananas, wird als Sakrileg betrachtet, ein kulinarischer Frevel, der die Integrität dieses Nationalstolzes untergräbt. Selbst die Möglichkeit, eine Pizza im Pappkarton zum Mitnehmen anzubieten, führt zum Entzug des begehrten Gütesiegels. Für die Verfechter der wahren Pizza ist das Erlebnis untrennbar mit dem Verzehr vor Ort verbunden, frisch aus dem Ofen und sofort genossen.

Inhaltsverzeichnis

Neapel: Die Geburtsstätte und ihre strengen Traditionen

Die süditalienische Metropole Neapel beansprucht mit gutem Grund den Titel als Geburtsort der Pizza. Rezepte aus dem 19. Jahrhundert belegen, dass die belegten Teigfladen schon damals jener Form und Beschaffenheit entsprachen, die wir heute kennen. Die Herstellung der „Vera Pizza Napoletana“ ist ein Handwerk, das Präzision und Hingabe erfordert. Sie wird ausschließlich in einem Holzofen gebacken, der eine unerbittliche Temperatur von 485 Grad Celsius erreicht. Die Kochzeit ist hierbei extrem kurz, sollte 60 bis 90 Sekunden nicht überschreiten. Diese extreme Hitze und die kurze Backzeit sind entscheidend für die charakteristische Textur und den Geschmack.

Ein Erkennungsmerkmal dieser authentischen Handwerkskunst ist ihre Beschaffenheit: Die neapolitanische Pizza sollte weich, elastisch und leicht zu falten sein. Die Mitte des Teigfladens ist dabei besonders zart und sollte eine Dicke von maximal vier Millimetern aufweisen. Hier steht die Farbe der Sauce im Mittelpunkt, die durch das Zusammenspiel mit Öl, Basilikum und Knoblauch eine perfekte Symbiose eingeht und den Gaumen verwöhnt. Es ist diese Kombination aus strengen Regeln, traditionellen Zutaten und einem präzisen Backprozess, die die neapolitanische Pizza zu einem unvergleichlichen Erlebnis macht.

Das Geheimnis des Teiges: Mehl, Hefe und die lange Reifezeit

Die einzigartige Elastizität und Zartheit des neapolitanischen Pizzateiges ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Auswahl der Zutaten und eines aufwendigen Prozesses. Hierfür werden spezielle Mehlsorten verwendet, die einen sehr hohen Kleber-Anteil entwickeln. Das meistgenutzte ist Tipo 00 Mehl, das mehrfach gemahlen wird, je feiner, desto besser. Dieser hohe Kleberanteil ist essenziell für die Entwicklung des Netzwerks, das dem Teig seine charakteristische Struktur und die Fähigkeit verleiht, sich beim Backen auszudehnen und gleichzeitig zart zu bleiben.

Ein weiteres, vielleicht das wichtigste Geheimnis, ist der „Lievito madre“, die sogenannte Mutterhefe. Dabei handelt es sich um einen milden Weizensauerteig, der über Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte, gepflegt und weitergegeben wird. Diese lebendige Hefe verleiht dem Teig nicht nur seine Triebkraft, sondern auch ein unverwechselbares, fein-säuerliches Aroma. Pizzaioli, die Pizzabäcker, schlagen den Teig mehrmals auf, um Luft einzuarbeiten und die Glutenentwicklung zu fördern. Anschließend ruht der Teig mindestens eine Nacht lang, oft sogar länger. Je länger die Ruhezeit, desto besser für den Geschmack und die Bekömmlichkeit. Während dieser langen Fermentationsphase wird die Stärke im Mehl aufgespalten, und Zuckermoleküle werden zu Kohlendioxid vergoren. Dies führt nicht nur zur Bildung der typischen Blasen im Teig, sondern auch zu den charakteristischen fein-säuerlichen Aromen und den kleinen schwarzen Punkten, die später am Rand der Pizza sichtbar werden.

Der Holzofen: Extreme Hitze und die perfekte Kruste

Zur perfekten neapolitanischen Pizza gehört untrennbar das Backen in einem echten Holzofen. Die hohen Temperaturen von bis zu 485 Grad Celsius sind entscheidend für die blitzschnelle Garung und die Entwicklung der einzigartigen Kruste. Manche sprechen angesichts der schwarzen Brandblasen am Pizzarand von einem Qualitätsmerkmal. Das stimmt jedoch nur bedingt. Ähnlich wie beim Grillen über einem Holzfeuer entstehen diese Blasen, weil sich die Hitze in einem Holzofen nicht immer gleichmäßig regulieren lässt. Da der Teig sofort Blasen wirft, verkohlt der Pizzarand an manchen Stellen, was aber nicht unbedingt ein Mangel ist, sondern ein Zeichen der extremen Hitzeeinwirkung.

Ein interessanter Aspekt der neapolitanischen Backmethode ist die geringe Kochzeit, die dazu führt, dass die Zutaten auf der Pizza nur erhitzt, aber nicht vollständig durchgegart werden. Maria Fuchs, eine anerkannte Pizzaiola in Wien, erklärt: „Viele Gäste wundern sich, warum die Paradeiser auf ihrer Pizza roh sind: Wegen der hohen Hitze und der geringen Backzeit werden Zutaten auf der neapolitanischen Pizza nur erhitzt.“ Das bedeutet auch, dass bestimmte Beläge, die eine längere Garzeit benötigen, wie beispielsweise Kartoffelscheiben, auf einer neapolitanischen Pizza nur dann vorkommen könnten, wenn sie vorgekocht werden. Dies unterstreicht die Philosophie, dass die Pizza selbst das Kunstwerk ist und die Beläge lediglich unterstützende Elemente sind, die ihren reinen Geschmack bewahren sollen.

Warum schmeckt Pizza in Neapel besser? Die Rolle des Wassers

Trotz bester Zutaten, höchster Handwerkskunst und der Einhaltung aller Regeln fragen sich viele Pizzaliebhaber, warum die Pizza in Neapel selbst oft noch besser schmeckt als die beste neapolitanische Pizza außerhalb Italiens. Maria Fuchs hat darauf eine einfache, aber tiefgründige Antwort: „Dann liegt es am Wasser. Das ist wie beim Kaffee.“ Diese Aussage mag auf den ersten Blick überraschen, doch sie birgt eine wichtige Wahrheit. Die mineralische Zusammensetzung des Wassers, das in der Teigherstellung verwendet wird, kann tatsächlich einen subtilen, aber entscheidenden Einfluss auf den Geschmack und die Textur des Teiges haben. Ähnlich wie bei der Kaffeezubereitung, wo die Wasserqualität den Geschmack maßgeblich beeinflusst, ist auch beim Pizzateig das lokale Wasser ein unnachahmlicher Faktor, der zur Authentizität und zum einzigartigen Geschmackserlebnis beiträgt. Es ist ein Element, das sich nicht einfach exportieren lässt und somit einen Teil des Geheimnisses von Neapels Pizza für immer in seiner Heimat belässt.

Der globale und Wiener Hype um neapolitanische Pizza

Der Hype um die neapolitanische Pizza beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Neapel oder Italien. Er hat sich in den vergangenen Jahren weltweit ausgebreitet, und Wien bildet da keine Ausnahme. In den letzten Wochen und Monaten hat sich die österreichische Hauptstadt zu einem Hotspot für neapolitanische Pizzerien entwickelt, wobei fast jede neue Eröffnung den Anspruch erhebt, im authentischen Napoli Style zu backen. Maria Fuchs, eine Pionierin der neapolitanischen Pizzaszene in Wien, die bereits 2008 mit ihrer „Pizzeria Mari“ und 2013 mit der „Disco Volante“ große Erfolge feierte, bestätigt diesen Trend: „Den Hype gibt es derzeit nicht nur in Wien, sondern überall auf der Welt.“ Sie fügt jedoch hinzu: „Ich sage bewusst, dass Neapel zwar unser Vorbild ist, aber wir erfüllen ganz sicher nicht alle Kriterien des Vereins, und das wollen wir auch gar nicht.“ Diese ehrliche Einschätzung zeigt, dass es oft eine Gratwanderung zwischen strikter Tradition und der Anpassung an lokale Gegebenheiten und Geschmäcker ist, wenn man die neapolitanische Pizza außerhalb ihrer Heimat erfolgreich anbieten möchte.

Ausgewählte Neapolitanische Pizzerien in Wien

Wer in Wien auf der Suche nach einem Stück Neapel ist, findet eine wachsende Anzahl an Lokalen, die sich der Kunst der neapolitanischen Pizza verschrieben haben. Hier eine Auswahl:

PizzeriaAdresseBesonderheiten
Riva FavoritaFavoritenstraße 4-6, 1040 WienBekannt für authentische neapolitanische Machart, gegründet von Schuh-Unternehmer Alessandro d’Ambrosio. Beliebt bei Italo-Fans.
Pizzeria MariLeopoldsgasse 23A, 1020 WienMaria Fuchs' erste Pizzeria (seit 2008), zieht Hipster an. Verwendet Manitoba-Weizensorte für elastischen Teig.
Pizza QuartierKarmelitermarkt 96, 1020 WienGastronomen Anita Paic und Alessandro Perrella bieten Cucina alla Mamma. Setzen auf ihren „Lievito madre“ und Mulino-Mehl aus dem Piemont für eine leicht säuerliche Note.
Da Ferdinando1130 Wien (genaue Adresse nicht angegeben)Eine weitere Adresse für neapolitanische Pizza in Wien Hietzing.

Häufig gestellte Fragen zur Neapolitanischen Pizza

Was ist eine „echte“ neapolitanische Pizza?
Eine echte neapolitanische Pizza ist laut der Associazione Verace Pizza Napoletana ausschließlich eine Marinara (Tomaten, Öl, Oregano, Knoblauch) oder eine Margherita (Tomaten, Öl, Mozzarella/Fior di latte, Basilikum). Sie muss in einem Holzofen bei 485°C gebacken werden, ist weich, elastisch und hat einen hohen, luftigen Rand.
Warum sind nur Marinara und Margherita „authentisch“?
Diese beiden Varianten sind die historisch belegten und traditionellsten Formen der Pizza in Neapel. Die Associazione Verace Pizza Napoletana hat diese als die einzigen „wahrhaftigen“ Pizzen festgelegt, um die ursprüngliche Tradition und Qualität zu schützen.
Was ist der „Lievito madre“?
„Lievito madre“ ist eine milde Weizensauerteig-Mutterhefe, die in der neapolitanischen Pizzabäckerei verwendet wird. Sie verleiht dem Teig nicht nur Triebkraft, sondern auch ein einzigartiges, fein-säuerliches Aroma und trägt zur besseren Verdaulichkeit bei.
Warum ist der Teig so elastisch und weich?
Die Elastizität und Weichheit resultieren aus der Verwendung von speziellen Mehlsorten mit hohem Kleber-Anteil (z.B. Tipo 00), dem langen Ruhen des Teiges (mindestens eine Nacht) und der Fermentation durch den Lievito madre. Dies alles trägt zur Entwicklung einer feinen, luftigen Struktur bei.
Warum ist der Pizzarand manchmal schwarz? Ist das verbrannt?
Die schwarzen Stellen, sogenannte „Leopardenflecken“, entstehen durch die extrem hohe Hitze des Holzofens (485°C) und die sehr kurze Backzeit. Der Teig wirft sofort Blasen, und diese Stellen können schnell verkohlen. Es ist ein Zeichen der Authentizität und der intensiven Hitze, nicht unbedingt ein Zeichen von Verbrennung, solange es nicht überhandnimmt.
Kann man neapolitanische Pizza zum Mitnehmen bekommen?
Laut den strengen Regeln der Associazione Verace Pizza Napoletana darf eine Pizzeria, die das Gütesiegel für „echte“ neapolitanische Pizza tragen möchte, keine Pizzen zum Mitnehmen anbieten. Die Pizza soll direkt aus dem Ofen verzehrt werden, um ihre optimale Qualität und Textur zu gewährleisten. Viele Pizzerien außerhalb Neapels bieten sie dennoch zum Mitnehmen an, verzichten dann aber auf das offizielle Gütesiegel.

Die neapolitanische Pizza ist weit mehr als nur ein belegter Teigfladen; sie ist ein kulturelles Erbe, eine Philosophie und ein Ausdruck italienischer Leidenschaft. Ihre strengen Regeln, die präzise Handwerkskunst und die Hingabe an traditionelle Zutaten machen sie zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Ob in den Gassen Neapels oder in den aufstrebenden Pizzerien Wiens – die Suche nach der perfekten neapolitanischen Pizza ist eine Reise, die den Gaumen und die Seele gleichermaßen bereichert. Es ist die Wertschätzung für das Einfache, das durch meisterhafte Ausführung zu etwas Außergewöhnlichem wird, das die neapolitanische Pizza zu einem weltweit gefeierten Phänomen macht.

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